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Begegnung mit Jonas Mekas : Das Gedächtnis des Kinos

Ein klarer Blick auf die neue Welt

„Lesen Sie Böhme!“, fordert Mekas und wackelt ein bisschen mit dem Kopf. Er sagt das auf Deutsch und meint Jakob Böhme, den deutschen Schuhmacher und Mystiker aus Leipzig: „Die Antworten zu all unseren Fragen sind in seinen frühen Büchern. Von Engeln diktiert!“ „Von Engeln diktiert“ – so habe Böhme seine Schriften genannt, sagt er, längst wieder auf Englisch, und Mekas lächelt dabei, als wollte er sagen, könnte darin nicht ein Stück Wahrheit liegen?

Seine Kamera, sein Stift wurden nicht von Engeln geführt – obwohl es ihm vielleicht gefiele, wenn man es so nennen würde. Aber etwas außergewöhnlich Wunderbares ist es schon, wenn ein Mann am 19. Juli 1944 den ersten Eintrag in ein Tagebuch schreibt und seitdem protokolliert, wohin die Geschichte ihn treibt, bis ins Jahr 2000. Pausenlos hat er seine Beobachtungen mit Reflexionen angereichert, dazu gedichtet, kurze Geschichten erfunden und sich kaum je beklagt. Aber sich lustig gemacht, das hat er schon immer wieder, über den deutschen Ordnungssinn etwa, und scharf geworden ist er oft. Sein Blick auf die neue Welt, wie es damals noch hieß, war nicht vom Glück des Entkommenseins, des Neuanfangs getrübt. „Komm nach Amerika! Hier wirst du das Elend eines großen Traums erleben: Kapitalismus.“ Das schrieb er noch im Jahr seiner Ankunft dort. „Es lohnt sich. In Europa habe ich mich immer als Ausnahme gefühlt, nie wie alle anderen. Ich war entweder D.P., Litauer oder Dichter. Hier aber - ob ich in einer Schlange stehe oder in der rauchigen Warren-Street-Arbeitsagentur sitze oder verloren bin in der Menge am Times Square - bin ich auf einmal nur ein weiterer Arbeitsloser. Nicht anders als alle anderen. Einer in der Menge.“

Das pausenlose Aufzeichnen eines halben Jahrhunderts und mehr, in dem Mekas erst vor den Russen, dann vor den Deutschen floh, als Zwangsarbeiter in Elmenhorst schuftete und in verschiedenen D.P.-Lagern auf seine Ausreisepapiere wartete, bis er in New York landete, haben ein Archiv des Verlorenen und des Verlorenseins hervorgebracht. Aber auch unzählige Beweisstücke für die Möglichkeiten des Augenblicks. „Was ich in einem Augenblick tue, beeinflusst den Lauf der Menschheit im nächsten. Ihre Humanität. Wir sollten sie achten. In jedem Augenblick, als wären wir auf dem Weg zurück ins Paradies. Es ist eine Anstrengung, für jeden von uns, und eine immense Verantwortung. Das ist eine moralische Haltung.“ Seine moralische Haltung.

„Ich habe eine Menge Zeugs“, sagt er zum Abschied. Alles, was er gesammelt hat, seit er mit kaum etwas in New York ankam. Fragmente eines Lebens, das nach der Flucht zum zweiten Mal begann. Zeugnisse einer Wirklichkeit, die er schreibend, filmend für uns gerettet hat.

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