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Begegnung mit Jonas Mekas : Das Gedächtnis des Kinos

Weil er seit Jahrzehnten so sehr zu dieser Stadt gehört und zu ihrer Geschichte als Hort des immer Neuesten in den Künsten, ist es erstaunlich, in seinem alten Tagebuch zu lesen, er wollte eigentlich gar nicht nach Amerika. Für Jonas Mekas und seinen Bruder Adolfas war Israel das Land ihrer Träume, wenn sie schon nicht zurück in ihre litauische Heimat konnten, was sie am allerliebsten getan hätten. Doch Israel nahm keine Litauer auf. Wenigstens Ägypten dann! Aber auch Ägypten hatte kein Kontingent für sie. Also wurde es New York. Wenn auch nicht gleich. Eigentlich hätte es Chicago sein sollen, wo ein Onkel sesshaft geworden war, der für sie gebürgt hatte. Aber als die Brüder in New York landen, schauen sie sich um und sagen sich: „Yes. This is America, and this is the twentieth century.“ Hier bleiben wir.

Mekas ist ein pausenloser Aufzeichner seiner Zeit

Jonas und Adolfas Mekas brachten 247 Kilogramm Gepäck mit, das war alles, was sie hatten. Hauptsächlich Bücher. Bücher deutscher Philosophen und russischer Schriftsteller, Bücher von Platon und Apollinaire und Hemingway, Bücher über Kunstgeschichte, Gedichtbände von Rilke, „Doktor Faustus“ von Thomas Mann, sie lasen alles, was ihnen in die Finger kam. In neun ihrer zehn Kisten waren Bücher. In einer lagen Kleider und der Rest.

Wie viele dieser Bücher noch heute in seinem Besitz sind, in seiner Brooklyner Wohnung oder in Kisten anderswo, weiß niemand zu sagen. Noch da sind seine Filme. Er hat sich eine Weile ihrer Digitalisierung widersetzt, aber seit einiger Zeit liegen sie auf DVD vor, in schönen Ausgaben bei Re:voir, darunter „Walden“, sein vielleicht bekanntester Film, und „Lost Lost Lost“ und „As I was Moving Ahead Occasionally I Saw Brief Glimpses of Beauty“, einer seiner schönsten.

Für Mekas ist das Leben eine Aneinanderreihung von unwiederbringlichen Augenblicken, und all seine Kunst und sein Denken handeln letztlich davon – von Tagen, Wochen, Jahren, die vergehen, die Erinnerung werden und Bilder hinterlassen, auf Papier oder Film oder auf der Retina. Im Jahr 2000 hat Mekas das Schreiben aufgegeben, und irgendwann ist er von der Bolex auf eine Sony-Digitalkamera umgestiegen. Er passt seine Mittel an. Heute arbeitet er daran, die Tagebücher von 1955 bis 2000 zur Veröffentlichung fertigzumachen. Außer dem Geschriebenen haben wir aus diesen Jahren und Jahrzehnten auch seine Filmtagebücher und eine Website, auf der er den Besucher mit einem Trompetenstoß begrüßt. Irgendwann hat er angefangen, neben den Filmen auch Installationen herzustellen, zuletzt in Venedig für die Biennale und dann in Brescia. Das war kurz vor Weihnachten, seinem Geburtstag. Am 24. Dezember wurde er dreiundneunzig.

In Karlsruhe hat er vor ein paar Jahren sein „365 Days Project“ installiert, auf 52 Monitoren. Dieselbe Arbeit hat er auf zwölf Monitoren in Berlin im Haus der Kulturen der Welt gezeigt. Die Installation in Brescia heißt „Birth of a Nation of Independent Filmmakers“. Auch sie bewahrt ein Stück Geschichte: Sie besteht aus 160 Porträts, jeweils zwischen fünf Sekunden und zwei Minuten lang, die den Filmemachern der Avantgarde gewidmet sind. „Dazu gibt es vierzig Fotoporträts auf Papier gedruckt, es ist eine Menge los!“

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