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Begegnung mit Jonas Mekas : Das Gedächtnis des Kinos

Seine erste Kamera kauft er 1950 für 200 Dollar

Die Anthology Film Archives sind seit 1989 in einem alten Gerichtsgebäude untergebracht, acht ehemalige Gefängniszellen wurden damals ins „Maya Deren Theater“ umgebaut, und heute ist es ein Glück, dass das Gebäude den Film Archives gehört. Keine Kulturinstitution könnte sich die Miete an der Lower East Side Manhattans noch leisten.

Aber das Gebäude braucht dringend einen Anbau, einen Aufbau, besser gesagt, für die Bibliothek. Nicht ganz unsortiert, aber unzugänglich liegt in verschiedenen Räumen und auch bei Jonas Mekas zu Hause in Brooklyn und sonst wo ausgelagert das „größte Archiv von Drucksachen über das Kino“, so nennt es Mekas – Bücher, Zeitschriften, Flugblätter, Programme, Drehbücher, Setlisten, Fotos, Briefe aus dem Umfeld des Avantgardekinos des zwanzigsten Jahrhunderts. Das alles aufs Dach des roten Klinkerbaus an der Ecke 2nd Avenue und 2nd Street zu schaffen und ein Stockwerk darüberzusetzen, so dass dieser Schatz zugänglich, bearbeitbar, anzuschauen, zu studieren sei, daneben ein Café hoch über der Straße, das für Einnahmen sorgen soll – das ist der Traum, das ist der Plan von Jonas Mekas. Eine Benefiz-Auktion von Werken befreundeter Künstler soll das Geld dafür bringen. Aus Deutschland hat bereits Jonathan Meese versprochen mitzumachen. Gerhard Richter will Mekas noch überzeugen.

Jonas Mekas sieht heute noch so aus, wie er an jenem Oktobertag im Jahr 1949 an Land gegangen sein mag. Nur 66 Jahre älter. Er trägt immer noch die dunkelblaue Bauernkleidung seiner Heimat, darunter ein dickes Flanellhemd mit offenem Kragen mit einer Strickjacke darüber. Etwas anderes trägt er nie. Unter einem Foto in der Zeitschrift „Interview“ vom letzten Jahr steht „All clothing: Mekas’ own“. Er läßt sich auch für ein Hochglanzfoto nicht kostümieren.

Sich selbst treu geblieben: Jonas Mekas trägt immer noch die Bauernkleidung seiner Heimat Litauen.

„Der wahre Litauer“, schrieb er 1948 in einem D.-P.-Lager am Edersee, „ist ein Bauer, und er bleibt ein Bauer.“ Aber Mekas ist, als er im darauffolgenden Jahr in New York ankommt, ein Dichter, ein Philosoph, kein Bauer mehr und noch kein Filmemacher. Das kommt später, aber nicht sehr viel später. Seine erste Bolex-Kamera kauft er für 200 (teilweise geliehene) Dollar im April 1950. Mit dieser Kamera hat er aufgenommen, was ihm täglich begegnete, Tauben und Kinder und Wolkentürme, Bewegungen in der Stadt, in ihren Parks, in seiner Wohnung, bei anderen Künstlern, bei Allen Ginsberg, Andy Warhol, Stan Brahage. Die Kamera wurde Teil seines Körpers, ein Wahrnehmungsorgan, das aufzeichnete, was das Leben war. Seines und das der Stadt. Die Jahreszeiten. Essen mit Freunden. Die ersten Schritte eines Kindes. Der Flug einer Möwe über dem Fluss. „In New York war noch Winter, aber die Luft schon voller Frühling.“ Manche seiner Filmschnipsel sehen so aus.

Eigentlich wollte er gar nicht nach Amerika

2015 wurde er von der Stadtausgabe der „New York Times“ für eine Serie über „New Yorker über 85“ monatelang immer wieder besucht, interviewt und fotografiert – was ihn zu der Frage veranlasste: „Was soll ich unter all den alten Leuten?“ Er war siebenundzwanzig, als er nach New York kam. Und in seinem Bewusstsein ist er seitdem siebenundzwanzig geblieben. Längst ist er Teil dieser Stadt wie Yoko Ono, mit der er befreundet ist, und Martin Scorsese, der die Anthology Film Archives für eine der wichtigsten Institutionen des Kinos überhaupt hält.

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