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Beatles-Dokumentation : Wer war schuld an der Trennung?

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Wer ist das fünfte Rad am Wagen? Beatles-Forscher meinen: Yoko Ono. Auf dem Foto fehlt George Harrison, der kurzzeitig ausgestiegen war Bild: Disney Plus

Mit seiner fast achtstündigen Dokumentation „Get Back“ liefert der Regisseur Peter Jackson einen verblüffenden Einblick in die Zusammenarbeit der Fab Four.

          5 Min.

          Mittagszeit im Londoner Westend. Die Straßen sind an diesem trockenen Donnerstag im Januar 1969 mit zahlreichen Angestellten aus den umliegenden Büros bevölkert. In der Savile Row kommt es plötzlich zum Gedränge. Vor der Hausnummer 3, wo das „Apple“-Hauptquartier der Beatles seinen Sitz hat, stauen sich die Menschen, denn vom Hausdach erschallen ungewohnte Töne: „Get back, get back, get back to where you once belonged . . .“ Ein Mann mit Anzug und Krawatte wendet sich hilfesuchend an einen vorbeieilenden Reporter: „Was ist da los?“ „Die Beatles geben ein kostenloses Konzert auf dem Dach.“ „Jetzt?“ „Ja, was halten Sie davon?“ „Find ich toll, warum spielen sie nicht auf der Straße?“ Drei Kamerateams sind dort unterwegs, um die Reaktionen der Passanten einzufangen.

          Vor der gegenüberliegenden Maßschneiderei macht ein anderer Passant seinem Unmut Luft. „Diese Art von Musik mag ja ihren Platz haben, dann ist sie durchaus unterhaltsam. Aber ich empfinde es als Zumutung, das gesamte Geschäftsleben in der Gegend hier zu stören.“ Gleichwohl sind die meisten Reaktionen auf das überraschende „Rooftop“-Konzert der Fab Four positiv – immerhin ihr erster Live-Auftritt seit mehr als drei Jahren. Durch zwei Polizisten, die einschreiten wollen, um dreißig Anzeigen wegen Ruhestörung nachzugehen, kommt ein Hauch von Drama in die Szenerie. Dem Beatles-Pressesprecher Derek Taylor gelingt es jedoch, die Ordnungsmacht so lange hinzuhalten, bis die Band ihr Freiluftkonzert beendet hat. Mit dieser legendären Performance endet die Film-Dokumentation „Get Back“ von Peter Jackson, die jetzt in drei Teilen beim Streaming-Anbieter „Disney+“ zu sehen ist.

          „Ich glaube, ich werde euch jetzt verlassen“

          1969 ahnt Paul McCartney, dass die visionäre Kraft der Beatles durch die individualisierten Produktionsprozesse im Studio gelitten hat, und schlägt deshalb vor, zu den Wurzeln ihres Herzschlag-Beats zurückzukehren. Am 2. Januar beginnen die Proben für ein geplantes Konzert in den Twickenham-Filmstudios. Eine ständig präsente Kamera-Crew soll für ein TV-Special den Entstehungsprozess der neuen Stücke und die spontane Spielfreude der Band dokumentieren. Doch stattdessen beschleunigt das Film-Team die Fliehkräfte innerhalb der Gruppe. Yoko Onos Anwesenheit und ihre ständigen Turteleien mit Lennon scheinen auch nicht dazu angetan, das gelockerte Band zwischen den Freunden zu festigen. Um in Fahrt zu kommen, jammt man durch alte Rock-’n’-Roll-Klassiker, werkelt halbherzig an neuen Stücken wie „Don’t Let Me Down“ oder „Two of Us“ und diskutiert immer wieder das geplante Comeback-Konzert – am besten an einem exotischen Ort wie dem „Sabratha“-Amphitheater in Libyen.

          Doch George Harrison kann mit den Live-Plänen immer weniger anfangen. Als er sich wieder einmal als Songwriter von Lennon nicht ernst genommen und von McCartney künstlerisch gemaßregelt fühlt, verkündet er am 10. Januar seinen Ausstieg: „Ich glaube, ich werde euch jetzt verlassen.“ John: [hört auf zu spielen] „Was?“
George: „. . . die Band.“
John: „Wann?“
George: „Jetzt. Wir sehen uns in den Clubs.“ Nach zwei Krisensitzungen kehrt er unter der Bedingung zurück, auf die gigantische Live-Show zu verzichten und das sterile Filmstudio zu verlassen. Man zieht ins Kellerstudio des „Apple“-Gebäudes um und die Stimmung wirkt sofort spürbar entspannter und fröhlicher.

          Gleichwohl hält sich seit Jahrzehnten das Narrativ, die „Get Back/Let It Be“-Aufnahmen seien im Ganzen eine eher schlechtgelaunte und freudlose Angelegenheit gewesen. Dabei war in dem ursprünglichen„Let It Be“-Film, den Michael Lindsay-Hogg 1970 veröffentlichte, von den Querelen kaum etwas zu spüren. McCartney, Harrison und Starr sorgten in den Achtzigern dennoch dafür, dass die Video-Veröffentlichung vom Markt verschwand. Jetzt der fulminante Neustart: Fast drei Jahre lang hat sich der dreifache Oscar-Preisträger, der neuseeländische Regisseur Peter Jackson, in die rund sechzig Stunden Film- und mehr als einhundertfünfzig Stunden Ton-Material vertieft, um daraus eine schlüssige Geschichte zu entwickeln. Jackson, dank seiner „Herr der Ringe“-Verfilmung nicht gerade als Kurzfilm-Fanatiker bekannt, greift auch hier in die Vollen. Fast acht Stunden lang kann der Zuschauer den Beatles im Studio beim Songschreiben zusehen und ihren bisweilen wirren Debatten folgen.

          Akribische Restaurierung des historischen Materials

          Mindestens drei Erzählstränge überlagern sich in Jacksons akribischer Restaurierung des historischen Materials: Da ist zum einen die Geschichte einer unverbrüchlichen Freundschaft von vier selbstbewussten Persönlichkeiten, die trotz aller Differenzen immer solidarisch miteinander umgehen. Daneben richtet Jackson den Blick auf die kreativen Prozesse im Studio, die ikonische Songs wie „Let It Be“ oder „The Long and Winding Road“ hervorbringen. Sein Film, der 1956 in Liverpool beginnt und in den ersten zehn Minuten den Aufstieg der Pilzköpfe im Zeitraffer zeigt, lebt von der Schlüsselloch-Perspektive: Der britische Schriftsteller Hanif Kureishi schwärmt im opulenten „Get Back“-Begleitbuch, das viele Studio-Gespräche der Fab Four transkribiert, von der einmaligen Gelegenheit, „Mäuschen zu spielen.“

          In einem dritten Erzählstrang will Jackson das soziale Klima Ende der Sechziger in England aufleben lassen. So wird der Zuschauer Zeuge einer problematischen Session: Am 9. Januar 1969 improvisieren Lennon/McCartney über die „Get Back“-Akkorde ihre Anti-Einwanderungs-Satire „No Pakistanis“. In Anspielung auf ein damals populäres Motto der British National Front singen sie in total überdrehter Manier: „Don’t dig no Pakistanis taking all the people’s jobs.“ Schwarz-Weiß-Bilder von Demonstrationen in England spiegeln die aufgeheizte Stimmung im Königreich, das nach der „Rivers of Blood“-Rede des konservativen Abgeordneten Enoch Powell vom April 1968 von rassistischen Krawallen heimgesucht wurde. Und doch wird jedem, der jetzt die Studio-Szenen sieht, unmittelbar klar, dass die Beatles sich hier über Powell lustig machen und seine Politik verdammen. Das gilt nicht minder für ihren umstrittenen „Commonwealth Song“: Lennon rezitiert im gezierten Stil einer alten englischen Lady: „The Commonwealth is much to common for me.“

          Peter Jackson hat sich für „Get Back“ durch die Archive der Beatles gewühlt.
          Peter Jackson hat sich für „Get Back“ durch die Archive der Beatles gewühlt. : Bild: Disney Plus

          Vielen Fans erschien das mit fast einjähriger Verzögerung im Mai 1970 erschienene „Let It Be“-Album als liebloses Flickwerk, von Phil Spector mit viel Hall, Chören und Streichern noch heillos überzuckert. Die konzertierte Aktion der überlebenden Beatles, die derzeit in den Medien für eine Art Retro-Beatlemania sorgt, umfasst auch eine Jubiläums-Edition dieses Albums auf fünf CDs. Der neue Mix vom George Martin-Sohn Giles überzeugt durch seine behutsame Modernisierung. Das Sound-Panorama ist durchhörbarer geworden, Bass und Schlagzeug wurden leicht nach vorn versetzt. Und es gibt ein paar Highlights: „Without A Song“ von Billy Preston, den die Beatles als Keyboarder hinzugezogen hatten, im Trio mit Lennon und Starr, oder eine beseelte Call-and-Response-Version von „Oh Darling“, in die Lennon die Nachricht von der endlich erfolgten Scheidung seiner Herzensdame Yoko einstreut. Auch der damals abgelehnte Glyn-Johns-Mix ist endlich enthalten.

          Liefern Film, Buch und Album also eine Art Weißwaschung der oft ungeliebten „Get Back“-Sessions? Kann Jacksons Film schönfärberisch die Popgeschichte umschreiben? Für ihn gibt es darin weder Helden noch Bösewichte, sondern nur Menschen mit liebenswerten und weniger liebenswerten Seiten. Er porträtiert die Beatles als eine Band, die sich keineswegs im Zustand des akuten Niedergangs befindet. Auch für nostalgische Verklärung ist das Material zu roh, zu fragmentarisch und zu ehrlich. Paul McCartney zeigte sich jedenfalls kürzlich in einem Interview mit dem „New Yorker“ erleichtert, dass er nach dieser Dokumentation nicht länger als Spaltpilz der Beatles angesehen werden könne: „Der Mythos, dass ich der Böse sei, hat mich jahrelang geärgert.“

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