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Neuer Film über Elvis Presley : Die verbotene Frucht

  • -Aktualisiert am

Umschwärmt, wo er auftritt – Austin Butler spielt Elvis Presley in Baz Luhrmanns Biopic. Bild: Courtesy of Warner Bros. Picture

Vor Elvis war die Welt prüde, danach war sie entfesselt. Baz Luhrmann macht sein Biopic zur Paradieserzählung. Und Colonel Parker ist die Schlange, die den Musiker an die Industrie verkauft.

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          Elvis Presley war der größte Star, der jemals vom Baum der Erkenntnis fiel. Er brach sich nichts dabei, aber er veränderte die Welt auf eine Weise, die jede Parallele mit der Geschichte von Eva und der Schlange und mit der Vertreibung aus dem Paradies rechtfertigt.

          Er war die „verbotene Frucht“, wie es in Baz Luhrmanns Film „Elvis“ an programmatischer Stelle heißt: ein „white man with black hips“, dessen Energie sich in ekstatischen Zuckungen zu einer neuen Musik manifestierte. Rock ’n’ Roll, eine amerikanische Musik mit einer Genealogie, die zu kompliziert ist für den einen Moment, in dem der Apfel, der Groschen, das Höschen fällt

          Luhrmann zeigt die Wirkung von Elvis in einem „reaction shot“ einer jungen Frau, die davor vielleicht nichts von ihrer Sexualität wusste, danach aber alles, ein Umschlag in einer Bewegung, die Elvis mit seiner Hüfte auslöste oder mit einem Riff auf seiner Gitarre. Vor Elvis war die Welt prüde, danach war sie entfesselt. Und der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse wurde nicht mehr gebraucht.

          Allerdings haben solche Momente es an sich, dass sie nicht für ewig sind. Sie werden historisch, sie gehen auf den langen Weg durch die Generationen, und sie werden vielleicht sogar ihrer Sprengkraft beraubt. Bald wird Elvis fünfzig Jahre tot sein, und die populäre Kultur ist längst in einem Stadium angelangt, in dem Fans zu Philologen gemacht werden, die sich meterweise CD-Editionen ins Regal stellen sollen.

          Wann kam der Sündenfall?

          Manchmal zuckt dann vielleicht noch etwas im Schritt, wenn man eine neue Scheibe einlegt. Aber an den Sündenfall, an den Sprung aus der Naivität, wird man nur noch erinnert, wenn man irgendwo, unvorbereitet in einem Taxiradio vielleicht, ein paar Takte von „Hound Dog“ hört. Das ist dann wie ein ferner Nachklang von etwas Elementarem, das in der Remix-Gegenwart wie ein neu zu decodierendes Signal ankommt.

          Bei Luhrmann ist „Hound Dog“ zuerst in einer Interpretation der Rapperin Doja Cat zu hören, der Hit wird angespielt, wie man sagen würde. Das ist gleich ein Indiz dafür, dass dieser „Elvis“ zwar auch zur Geschichte des 20. Jahrhunderts gehören wird, eher aber zu einer sehr spezifischen Post- oder Hyperhistorie, wie sie eben einem Regisseur vorschwebt, der „Romeo und Julia“ zu einem Mafia-Epos machte und der im Revuetheater „Moulin Rouge“ eine ästhetische Norm entdeckte.

          Austin Butlers Elvis mit Tom Hanks als Colonel Parker.
          Austin Butlers Elvis mit Tom Hanks als Colonel Parker. : Bild: Courtesy of Warner Bros. Picture

          Im Fall des jungen Sängers aus Tupelo, Mississippi schürft Luhrmann tief in der Frühgeschichte der amerikanischen Populärkultur: Elvis kommt bei ihm aus der Welt des Karnevals, er bewegt sich anfangs für eine Weile noch unter „geeks“ und „carnies“, er ist also schon Spektakel, bevor er noch weiß, was in ihm steckt.

          Unter den Schaustellern ist auch der Mann, der schließlich die zweite, wenn nicht die erste Hauptrolle in „Elvis“ einnimmt: „Colonel Tom“ Parker, eine mythologische Kreatur genuin eigenen Formats, der bei Luhrmann zum Mephistopheles wird, zum Geist, der stets verneint, wenn es Elvis Presley um künstlerische Autonomie geht, und der den Star gnadenlos zu Markte trägt.

          Tom Hanks spielt diesen Tom Parker hinter einer Jahrmarktsmaske, eine groteske Figur, die Luhrmann auch noch dadurch ins Zwielicht rückt, dass er die ganze Karriere von Elvis als eine Sterbephantasie von Parker erscheinen lässt.

          Der Manager als Mephistopheles

          Etwaige erzählerische Freiheiten, die „Elvis“ sich als Biopic nimmt, könnten also auch so gelesen werden, dass sein Manager sich hier eine Karriere schönredet, an deren Bruchstellen er zugleich stark Hand angelegt hatte. Elvis, wie ihn der großartige Austin Butler spielt, ist also mehrfach gespiegelt – in einem Film, dessen Signatur naheliegenderweise der Schwindel, der Wirbel ist, das Drehmoment, das von der Schallplatte auf die Musik überspringt, die sie konserviert.

          Die Perspektive des unweigerlich verblendeten Parker bringt es vielleicht auch mit sich, dass Luhrmann die Kurve der Karriere von Elvis geradezu aufreizend dehnt. In der Rückschau ist es schwer, hinter dem aufgedunsenen Entertainer, der seine letzten Jahre in Las Vegas herunternudelte, noch auf den jungen Gott zu kommen, der Elvis für einen Moment war, bis ihn Parker an Hollywood verkaufte.

          Einer der besten und stärksten Momente bei Luhrmann ist der, in dem der späte, todgeweihte Elvis zum ersten Mal erkennbar wird, in einem grandiosen Spiel mit dem Motiv des Vorhangs – im Scheinwerferlicht ist die Energie noch voll da, sobald aber der Kontakt zum Publikum gekappt ist, ist der Kollaps kaum mehr abzuwenden.

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