https://www.faz.net/-gqz-qzbm

Bastian Pastewka : Die Rolle seines Lebens

  • -Aktualisiert am

Manchmal berühren sich Realität und Fiktion auf fast beunruhigende Weise. In der Wohnung, in der in der Serie Pastewkas Nachbarin Svenja Bruck (Bettina Lamprecht) lebt, hat zufälligerweise im wahren Leben vor fünf Jahren Dietrich Hollinderbäumer gelebt, der in der Serie Pastewkas Vater spielt. Oder die Geschichte mit dem Sofatausch. Als sich Bettina Lamprecht aus seiner (realen) Wohnung eine Drei-Meter-Couch abholt, die er ihr (im wahren Leben) verkauft hat, schickt das „Möbeltaxi“ einen einzigen Mann, der beschließt, daß sie mit anpacken muß, das Ding in den Lkw zu schleppen, während es Pastewkas Aufgabe ist, so Sachen zu sagen wie: „Vorsicht, im Flur ist 'ne Lampe, ups, das war die Tür, na ja.“ In der Serie bekommt (der fiktive) Pastewka einen Mega-Plasmafernseher geliefert - von einem einzelnen Spediteur. Pastewka überredet sofort seine (fiktive) Nachbarin Bruck, gespielt, wie gesagt, von Bettina Lamprecht, das Gerät in die Wohnung zu schleppen, weil er wegen eines Leistenbruchs als Kind und eines frisch bei den Dreharbeiten zu „Pastewka in Rußland“ erlittenen Fersenbeinbruchs nicht heben könne. Und beim Transport steht (der fiktive) Pastewka daneben und sagt so Sachen wie: „Ein bißchen höher, im Flur ist 'ne Lampe, oje.“ Die Szene war längst fertig gedreht, als sich der echte Sofatausch ereignete. Erst Fiktion, dann Realität? „Das ist ein Zeichen“, sagt Pastewka.

Humor braucht eine Haltung

Das schillernde Spiel mit der Verwechselbarkeit von „Bastian Pastewka“ mit Bastian Pastewka ist ein netter Reiz der Serie, aber ihre eigentliche Stärke ist, daß ihre Figuren bei aller satirischen Überspitzung eine Tiefe haben, daß man ihnen überhaupt zutraut, echt zu sein. Manchmal klingt Pastewka plötzlich ganz pathetisch, wenn er davon spricht. „Humor braucht eine Haltung“, sagt er dann. Den Charakter des fiktiven Bastian Pastewka (und irgendwie den des echten) beschreibt er so: „Er hat Versagensängste und diese Zerrissenheit. Er sehnt sich danach, alles im Griff zu haben. Er will eine Beziehung nach seinen Regeln. Dennoch tut er rückgratlos alles für seine Familie. Er ist nämlich Aufmerksamkeitsjunkie und egoman und will Dank. Er hat Ängste und Neurosen und kennt Neid. Ich will das wirklich wahre Leben zeigen. Aber aus meiner Sicht. So geht Menschlichkeit: Du bist nicht nur das Arschloch. Mit Augenzwinkern sichere ich mir einen Restsympathiebonus.“

Es ist, in jedem Sinne, die Rolle seines Lebens. Alles mögliche hätte er spielen sollen in den verschiedenen Konzepten, die man ihm anbot. Aber Pastewka fragt: „Warum soll ich meine komischen Attitüden umständlich auf einen Bankdirektor übertragen? Ich bin zudem keine Autoritätsperson. Ich bin diese fröhliche Achtziger-Jahre-Schluffigkeit.“ Von anderen Sitcom-Ideen, die an ihn herangetragen wurden, die von irgendeiner konstruierten Situation ausgingen, habe er sich immer eingeengt gefühlt: „Ich wollte eine Serie, in der alles möglich ist. Die nicht auf nur einem Bein steht - ein Haus, eine Familie, ein Vampir im Keller -, sondern einen authentischen Charakter nach Bedarf im Beruf, mit der Familie oder mit Kumpels zeigt, die alle aus ihrer Sicht das Richtige tun, aber dabei kommt das Falsche heraus.“ Anders als bei seiner Sketch-Reihe „Ohne Worte“, die ihn in verschiedenen Situationen, aber immer sprachlos zeigte und bald an die Grenzen des Konzeptes stieß, glaubt er, daß „Pastewka“ endlos laufen könnte. „Alle Formate, die wie eine offene Vase sind, fordern mich. Auch die ,Wochenshow' war so ein Glücksfall: Da konnten wir alles machen.“

„Pastewka“ ist auch für die Zuschauer ein Glücksfall. Es hat lange keine so gelungene deutsche Comedyserie gegeben (RTL hat die Ausstrahlung übrigens abgelehnt). Inspiriert durch die amerikanische Comedy-Serie „Curb Your Enthusiasm“, die das Leben des „Seinfeld“-Erfinders Larry David zu zeigen behauptet, haben Chris Geletneky und Sascha Albrecht die Geschichten für Pastewka maßgeschneidert; Joseph Orr hat sie mit hierzulande seltenem Gespür für Timing inszeniert. Anders als Sitcoms wie „Nikola“ lebt „Pastewka“ nicht davon, daß alle Akteure immer irgend etwas wahnsinnig Schlagfertiges sagen, sondern im Gegenteil von der Sinn-, Sprach- und Pointenlosigkeit, die solche Situationen im wahren Leben kennzeichnet. So trocken war Serienhumor im deutschen Fernsehen vielleicht noch nie.

Weitere Themen

Topmeldungen

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) spricht in Salzgitter mit Journalisten.

Wegen Angriff auf Syrien : VW-Werk in der Türkei steht vor dem Aus

Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat Stephan Weil sieht wegen der türkischen Invasion keine Grundlage mehr für die geplante Milliardeninvestition. Das sei ein „Schlag ins Gesicht von Menschenrechten“.
Luisa Neubauer: Die „Fridays for Future“-Bewegung wird medial vor allem von jungen Frauen repräsentiert.

Shell-Jugendstudie : Es ist der Klimawandel, Dummkopf!

„Eine Generation meldet sich zu Wort“: So heißt die 18. Shell-Jugendstudie. Eine neue Entwicklung stellten die Autoren nicht nur bei Themen fest, die Jugendlichen Sorgen bereiten – sondern auch bei den Geschlechterrollen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.