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Film „Axiom“ : Hauptsache, die Lüge ist wahr

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Das Ei des Münchhausen: Marie (Ricarda Seifried, links) wundert sich über Julius (Moritz von Treuenfels) Bild: Bon Voyage

Wenn Lügen zur Performance werden: Die Kinokomödie „Axiom“ von Jöns Jönsson scheint von einem Hochstapler zu handeln. Aber es steckt mehr dahinter.

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          Es zählt zu den Gemeinplätzen im modernen Personalwesen, dass Menschen aus Potentialen bestehen, die man in geeigneten Arbeitszusammenhängen so freisetzen kann, dass die Firma davon mehr hat als nur eine besetzte Stelle. Das individuelle Potential ist der kleine Bruder der Fantasie, mit der Geschäftsideen bis zu Börsengängen befördert – oder Karrieren zu Abenteuern werden. In Jöns Jönssons Film „Axiom“ ist eine kleine Dialogpassage über Potentiale – halb Sprachmüll, halb Versuch eines Selbstverständnisses – eines von vielen Angeboten zu einer rätselhaften Hauptfigur.

          Denn Julius, ein großer, schlanker, jungenhaft wirkender Mann, hat einen ungewöhnlichen vorherrschenden Charakterzug: Er flunkert dauernd, lässt seine Lügen beinahe zu Performances anwachsen, dann stapfen ein paar Leute mit ihm durch einen Wald auf der Suche nach dem Segelboot seiner Familie, mit dem ein Ausflug unternommen werden soll, von dem nur Julius weiß, dass dafür alle Voraussetzungen fehlen. Als die Sache nur mehr auffliegen kann, steigert Julius den Einsatz, nun muss er schon einen dramatischen Auftritt hinlegen, um aus der Bredouille noch einmal heraus (und vorübergehend ins Krankenhaus) zu kommen.

          Er hat den Qualifikationsweg vermieden

          Meist ist harmlos faszinierend, was er erzählt: dass er sich einmal in einem Bus, voll besetzt mit Schülerinnen irgendwo zwischen Singapur und Kuala Lumpur, mit einem rohen Ei die Stirn besudelt hat, das er für ein gekochtes hielt (welches Hotelbuffet legt einfach so Eier aus?), könnte man sogar mit ein wenig Wagemut für eine Anspielung darauf halten, dass es heutige Mythologica sind, zu denen Julius sich inspiriert fühlt. Jöns Jönsson braucht gewiss keinen Lévi-Strauss, um sich für eine Geschichte inspirieren zu lassen, die ganz und gar aus Geschichten besteht, und aus dieser Bewegung zwischen Geschichten, die wir im Alltag kaum wahrnehmen: Auf einer Party in Köln, wo der Film wohl spielt – dass man es nämlich für elegant halten könnte, die erwartbare Frage „Und, was machst du so?“ gerade nicht zu stellen.

          Oder sie eben, wie Julius, ungefragt mit einem Bluff zu beantworten. Für die Untermauerung seiner Behauptung, er sei Architekt, nimmt er dann auch in Kauf, sehr schnöde von einer Assistentin aus dem Haus gewiesen zu werden, nachdem es ihm gerade erst gelungen war, erstens in einen Firmenbereich einzudringen und dort auf einer Terrasse eine notdürftige Raucherkonversation mit einem Menschen zu etablieren, der von sich mit Fug sagen kann, er sei Architekt, jedenfalls beruflich. Julius ist auf eine andere Weise Architekt. Er hat nur den Qualifikationsweg vermieden und den Fiktionsweg in die Zunft beschritten.

          Geschickt in Schwingung versetzt

          „Axiom“ ist im Kern zweifellos eine Komödie, die aber von ernsten Charakteren bevölkert ist und mit der Jönsson uns nicht groß zum Lachen bringen will. Es geht zum Beispiel nicht wirklich darum, dass Julius (großartig besetzt: Moritz von Treuenfels) endlich auffliegt. Im Gegenteil befindet sich Julius ständig in einem Hochseilakt, aus dem er nicht wirklich abstürzen kann – außer in eine Befremdung durch Normalität, auf die er ohnehin die ganze Zeit zu reagieren scheint. Jönsson, gebürtiger Schwede, der nach einem Studium an der HFF Potsdam-Babelsberg im deutschen Film eine künstlerische Heimat gefunden hat, setzt nicht auf eine Dramaturgie der Eskalation, sondern lässt seinen Protagonisten und dessen Geschichten zirkulieren. Selten hat man Sozialität so bei der Arbeit sehen können wie in diesem auf allen Ebenen großartigen Film: Kamera, Musik (im Abspann gibt es eine fantastische Nummer von Yung Lean), Sound, Schauspiel, alles greift wie von selbst ineinander, nichts wirkt dabei jemals deterministisch. 1986 hat der Literaturwissenschaftler Gert Mattenklott mit seinen Physiognomischen Essais daran erinnert, dass es einmal zum Repertoire des Erzählens gehörte, Charaktere wie Figuren zu behandeln.

          Ein Geiziger war für Molière noch völlig plastisch. Doch wie würde man in der heutigen Welt einen Unaufrichtigen zu fassen kriegen? „Axiom“ setzt, wie immer bewusst, bei diesen charakterologischen Erzählmodellen der Aufklärung an, führt sie aber an einen Punkt, an dem sie alles Didaktische verlieren müssen. Hinter der Figur von Julius steht eben kein Bescheidwisser mehr, sondern eine Instanz ganz von heute: ein Filmkünstler und Drehbuchautor, der seine Figuren so geschickt in Schwingung versetzen kann, dass wir gespannt darauf achten, welche Facetten sich als Nächstes ergeben. Julius bleibt konsequent das, was man mit dem Begriff benennen könnte, den Matten­klott damals seiner Sammlung gab: ein Blindgänger.

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