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Ausstellung im nächsten Frühjahr : Das Deutsche Filmmuseum Frankfurt sichtet den Nachlaß Stanley Kubricks

Es ist wie eine Suche nach Schätzen in einem labyrinthischen Schutzhaus. In St. Albans unweit von London lagert der Nachlaß des Regisseurs Stanley Kubrick. Für eine Ausstellung des Frankfurter Filmmuseums sichtet der Wissenschaftler Bernd Eichhorn das äußerst umfangreiche Material.

          5 Min.

          Als Stanley Kubrick am 7. März 1999 starb, wurde sein plötzlicher Tod zu einem weiteren Stein in einer Legende, an der schon seit Jahren gebaut wurde. Es ist, bei aller Ehrfurcht, ein eigentümlich düsteres Bild, das sich sogar seine Bewunderer von Kubrick machen. Ein genialer Regisseur, der abgeschottet und menschenscheu nur in seinen Filmen lebte, die von Zeit zu Zeit, dem Monolithen in "2001 - Odyssee im Weltraum" ähnlich, in die Welt einschlugen. Die spärlichen Informationen, die über sein Leben bekannt wurden, und die vielen Gerüchte um Projekte, die er angeblich begonnen und liegengelassen hatte, lassen auch vier Jahre nach seinem Tod für Spekulationen Raum.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Wahrheit liegt auf jenem Landsitz in St. Albans unweit von London, der seit den achtziger Jahren Kubricks Wohn- und Arbeitsplatz war. Dort lagert einer der wohl umfangreichsten Nachlässe der Filmgeschichte. Für eine Ausstellung, die das Deutsche Filmmuseum Frankfurt zusammen mit dem Deutschen Architekturmuseum im kommenden Frühjahr zeigen wird, sichtet der Filmwissenschaftler Bernd Eichhorn nun Kubricks Material. Es ist eine merkwürdige Suche nach Schätzen in einem labyrinthischen Schatzhaus. Sie fördert beinahe täglich auratische Gegenstände zutage: Das berühmte "Starchild" aus "2001" ebenso wie Kostüme aus "Barry Lyndon" oder das Manuskript aus "The Shining", das den immergleichen Satz enthält: "All work and no play, makes Jack a dull boy" ("Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen"). Fast jeder Fund beantwortet offene Fragen - nach der Person Kubricks wie nach seiner Arbeitsweise.

          Schon der Schauplatz ist geeignet, hohe Erwartungen entstehen zu lassen. Zum häufig kolportierten Bild des Eremiten Kubrick paßt er ganz und gar nicht. Das von üppigen Rhododendren umsäumte Idyll löst beinahe alle Klischees ein, die bei Kontinentaleuropäern entstehen, wenn sie zuviele englische Kriminalromane lesen. Ein eisernes Tor bietet Einlaß in Kubricks Welt, zu der eine beinahe verspielt gewundene Straße führt.

          Das mehrstöckige, säulenverzierte Herrenhaus zeigt die Spuren ehrwürdigen Alterns ebenso wie seine unbekümmerte Nutzung als Familienwohnsitz und Arbeitsplatz. In den ausgedehnten Nebengebäuden werkelt ein Schreiner, nebenan sitzt eine junge französische Filmstudentin im Schneideraum und produziert mit Hilfe von Kubricks Schwager Jan Harlan einen Kurzfilm. Zwei geräumige Container stehen ein wenig abseits wie gestrandet. In der Remise wird der seit Jahren nicht mehr benutzte Kamerawagen, das Chassis eines 2CV, neben Gartengerätschaften aufbewahrt. Soeben hat er einen neuen Anstrich bekommen. Seit sich die Erben, die von Jan Harlan vertreten werden, entschlossen haben, Kubricks Nachlaß aufzuarbeiten, ist eine Betriebsamkeit zu spüren, die ahnen läßt, wie es gewesen sein muß, als der Regisseur dort im Kreise seiner Lieben arbeitete.

          Auf dem akkurat gemähten Rasen hinter dem Haupthaus, in einem Gitterrund in einer Ecke des Gartens, liegt Stanley Kubrick begraben. Unter dem Schatten einiger hoher Bäume markiert ein großer Findling die Ruhestätte. Im Hintergrund ziehen gemächlich Kühe über die Weide. Die Fensterfront der Küche weist zum Garten. Wie seit jeher versammeln sich Gäste und Mitarbeiter zur Mittagszeit mit der Hausherrin um den langen Küchentisch. Wer inmitten jener aufgeräumten Gastfreundlichkeit den Blick hebt, schaut auf Kubricks Grab. Der Gatte, Freund und Arbeitgeber ist nicht wegzudenken.

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