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Ausstellung : Auf dem Boulevard der verlorenen Schritte

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Das Bild einer Stadt im Film besteht nicht nur aus Architektur und Topographie, sondern auch aus den Menschen, die ihr besonderes Lebensgefühl verkörpern. In diesem Fall kann man sagen: Paris ist eine Frau. Und mehr noch: Jeanne Moreau ist Paris.

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          Ein Bild, heißt es, sagt mehr als tausend Worte - und dieses hier ist für mindestens zweitausend gut. Meterhoch hängt dieses Foto als Plakat an der Rückseite des Pariser Rathauses und wirbt für die Ausstellung „Paris au cinema“ (bis 30.Juni), dabei sind von der Stadt darauf nicht mehr als ein paar Lichtreflexe einer nächtlichen Straße zu sehen, die man so wahrscheinlich auch in jeder anderen Stadt finden würde. Aber der Punkt ist natürlich, daß das Bild einer Stadt im Film nicht nur aus Architektur und Topographie besteht, sondern auch aus den Menschen, die ihr besonderes Lebensgefühl verkörpern. In diesem Fall kann man sagen: Paris ist eine Frau. Und mehr noch: Jeanne Moreau ist Paris. Das gilt nicht nur für Louis Malles „Fahrstuhl zum Schafott“, aber für diesen Film ganz besonders.

          Und das ist der Moment, wo beim näheren Betrachten dieses Bildes eine Melodie erklingen sollte, der Sound von Miles Davis' Trompete, die sich mit den Lichtern einer regennassen Nacht verbindet, in der Jeanne Moreau rastlos das Viertel entlang den Champs-Elysees durchstreift, weil sie auf ihren Geliebten Maurice Ronet wartet, von dem sie nicht weiß, daß er im Fahrstuhl feststeckt, nachdem er ihren Ehemann umgebracht hat.

          Die Frau aus dem Gefängnis ihres Films befreien

          Das alles ist Paris: die Frau, die für die Liebe zu allem bereit ist, die Improvisationen von Miles Davis, der Regen auf dem Trottoir, die Lichter in der Nacht. Und was es so aufregend macht, ist die Tatsache, daß keiner ahnt, welche Unruhe Jeanne Moreau durch die Straßen treibt, nicht der Barmann im Cafe und nicht die Passanten, denen sie über den Weg läuft, das ist die schwindelerregende Vorstellung, daß sich die Geheimnisse einer einsamen, schönen Frau auf den Straßen von Paris nie ergründen lassen, wenn man nicht die ganze Geschichte kennt.

          Kaum je war im Kino das Bedürfnis so groß, eine Frau aus ihrer Situation zu erlösen, in die sie ein Film gebracht hat, und der Witz an diesem speziellen Bild ist, daß darin genau dies geschieht. Denn es ist nicht aus dem Film, sondern von den Dreharbeiten, und das bezaubernde Lächeln, das Jeanne Moreau ihrem Regisseur oder sonstwem über die Schulter schenkt, streift im Film keine Sekunde ihr Gesicht. Es ist also so, als würde die Pariser Ausstellung für einen Moment diese Frau aus dem Gefängnis ihres Films befreien und damit den Blick auf die Stadt öffnen.

          Das Paris in der Ausstellung war pariserischer

          Zwei lange Gänge mit Monitoren, Plakaten und Fotos sind es, durch die man sich im Dunkel bewegt, ehe man in einen Saal kommt, wo auf mehreren Leinwänden jeweils ein gutes Dutzend Ausschnitte zu sechs Themen gezeigt werden: Liebende, Bistrots, Dächer, Frauen, Jagden und Eiffelturm. Dabei natürlich die wunderbare Szene aus „Eine Welt ohne Mitleid“, wo Hippolyte Girardot die Liebenden auf den Dächern von Paris beschwört und dann für seine Freundin mit einem Fingerschnippen die Beleuchtung des Eiffelturms ausknipst. Und direkt danach die Vorstadtjugendlichen aus „Haß“, die vergeblich dasselbe versuchen und sich frustriert abwenden - und wie zum Hohn erlöschen die Lichter just in dem Moment, als sie dem Turm den Rücken zukehren.

          Man könnte jetzt anfangen, das kinematographische Labyrinth nachzuzeichnen, das diese Ausstellung entwirft, aber man brauchte ein ganzes Buch dafür, so eines wie den großartigen Katalog (Verlag Parigramme, 224 S., 29 Euro). So genügt es vielleicht, Lubitschs berühmten Spruch abzuwandeln und zu sagen: Man war im Paris der Ausstellung und im Paris der Wirklichkeit. Das in der Ausstellung war pariserischer.

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