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Digitale Berlinale beginnt : Das Gespenst ist aus der Kiste

Das Bindeglied und die Sollbruchstelle der beiden Berlinale-Hälften sind die Festivalpreise. Der Goldene Bär und die übrigen Juryauszeichnungen werden am Freitag bekanntgegeben, aber erst im Juni verliehen. Bis dahin sollen sie den Filmen Rückenwind geben, ihre kommerziellen Chancen steigern, ihre Sichtbarkeit erhöhen. Aber Festivals sind keine Wohltätigkeitsbasare. Ihr Ansehen lebt von den internationalen Premieren, die sie für sich buchen und vermarkten können. Bis das „summer special“ beginnt, könnten viele in Berlin ausgezeichnete Filme ihre Weltpremiere schon hinter sich haben. Die Publikums-Berlinale wäre dann nur noch ein kuratorischer Nachklapp, dessen Spannungsmomente sich in der langen Zwischenzeit verflüchtigt hätten.

Der Schatten der filmischen Provinzialität

In diesem Jahr werden zum ersten Mal keine Silbernen Bären für die beste männliche und weibliche Hauptrolle verliehen, sondern nur ein Haupt- und ein Nebendarstellerpreis. Auf den ersten Blick ist das eine sinnvolle Konzession an die Aktivistinnen der sexuellen Vielfalt, denen die Aufteilung in „binäre“ Geschlechterrollen gegen den Strich geht. Auf den zweiten ist es eine Eselei. Das Kino lebt von Geschichten mit weiblichen und männlichen Figuren, ganz gleich, ob sie queer, trans oder „straight“ sind. Die LGBTIQ-Aktivistinnen, die anstelle des halbierten Darstellerpreises zusätzliche Auszeichnungen für gendergerechte Rollen und Produktionen fordern, haben mehr publizistischen Instinkt bewiesen als die Berlinale-Leitung. Wenn die Jury ihre Sinne beisammen hat, wird sie den Schauspielerpreis aufteilen, um seine Wirkung nicht zu halbieren.

In der diesjährigen Wettbewerbsauswahl haben die deutschen Filme einen starken Stand: Dominik Grafs Kästner-Verfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“, Daniel Brühls Regiedebüt „Nebenan“, Maria Schraders Frau-trifft-Roboter-Liebesgeschichte „Ich bin dein Mensch“, Maria Speths Schuldokumentation „Herr Bachmann und seine Klasse“, dazu noch Christian Schwochows politische Parabel „Je suis Karl“, die als „Berlinale Special“ läuft. In dieser Präsenz steckt ein historischer Trend. Seit langem sind die Kinematographien der großen Filmländer dabei, sich voneinander zu entkoppeln. Der Siegeszug der Streaming-Anbieter hat diese Entwicklung verstärkt, und die Festivals bilden sie ab. Ihr deutlichstes Zeichen ist das Fehlen amerikanischer Filme im Berlinale-Wettbewerb.

Die großen Hollywoodstudios gehen dem Festival mit ihren Blockbustern ohnehin aus dem Weg. Aber auch Independent-Produktionen sind immer weniger auf die Kinoauswertung angewiesen, sie können ihr Publikum auch auf Netflix, Amazon und Arthouse-Plattformen wie Mubi finden. Die Entscheidung, dann gleich für die Streaming-Dienste zu drehen, ist für die Regisseure nur der logische nächste Schritt. In demselben Maß aber, wie sich das Geschäft von Netflix & Co. internationalisiert, fällt auf die nationale Filmkunst der Schatten der Provinzialität.

Deutsche Spielfilme laufen heute seltener, deutsche Serien öfter denn je im Ausland. Insofern darf man gespannt sein, inwiefern bei Maria Schrader, die für den Netflix-Vierteiler „Unorthodox“ einen Emmy gewonnen hat, und Christian Schwochow, der für Netflix den Roman von Robert Harris über die Münchner Konferenz adaptiert hat, die Konventionen der Streaming-Ästhetik auf ihre Kinobilder durchschlagen.

Fünf Tage Filmstreams: Das ist das Gegenteil eines Events. Aber ein Ereignis sind diese 71. Berliner Filmfestspiele dennoch, schon deshalb, weil noch kein Festival so konsequent den Spagat zwischen dem Digitalen und dem Realen gewagt hat. Wenn alles gutgeht, werden die hundertzwanzig kurzen und langen Filme der diesjährigen Auswahl im Juni in einer besseren Welt auferstehen, und das „industry event“ wird eine einmalige Episode gewesen sein. Aber selbst dann lässt sich das digitale Gespenst nicht wieder in die Kiste zurückzwingen. Sein Triumph, durch die Pandemie beschleunigt, ist unaufhaltsam, und die Frage ist nur, ob es die Kinokultur bloß verwandelt oder zerstört. Die zweigeteilte Berlinale wird darauf eine erste Antwort geben.

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