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Filmkritik: „Auf einmal“ : Die Tote am Ende der Party

  • -Aktualisiert am

Schöns so ein Gefängnis. Provinz ist kein Ort, sondern ein Zustand, in dem sich Karsten (Sebastian Hülk, links) mit seinem Vater (Hans Zischler) befindet. Bild: Emre Erkmen

Ein Kriminalfall, ein Skandal, Korruption und zahlreiche Facetten des Abgründigen: Asli Özges Spielfilm „Auf einmal“ lässt uns die deutsche Provinz begreifen.

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          Junge Menschen, die sonntags mit den Eltern essen, stehen ein bisschen unter Verdacht. Sie haben möglicherweise den Sozialisationsauftrag nicht vollständig erfüllt, stehen noch nicht auf eigenen Beinen, wiederholen nur, was die Generation davor schon vorgegeben hat. In Asli Özges Film „Auf einmal“ ist dieser Verdacht so allgegenwärtig und übermächtig, dass er all die anderen Verdachtsmomente in den Schatten stellt, die es in diesem Film auch noch gibt.

          Denn es kommt eine junge Frau zu Tode, auf einer Party, und bald erweist sich, dass niemand sie eigentlich gekannt hatte. Anna liegt am Ende einer geselligen Nacht flach auf dem Boden von Karstens Wohnung. Wenn er jetzt die Rettung ruft, kann sie möglicherweise wiederbelebt werden. Doch was tut er? Er stürzt aus dem Haus und läuft zu einer nahegelegenen Klinik, um dort Hilfe zu finden. Eine falsche Entscheidung, oder doch mehr? Ein Akt der Panik, weil er vielleicht etwas mit Anna hatte? Jedenfalls ermitteln die Behörden, und Karsten muss Fragen beantworten: von seiner Freundin, von Freunden, am Arbeitsplatz.

          Kein Verbrechen aus Leidenschaft

          Die malerische Kleinstadt Altena im Sauerland, in der Asli Özge „Auf einmal“ gedreht hat, wird zu einem dichten Gewebe des Argwohns, der sich in unbeholfenen Dialogen Ausdruck verschafft, oft zwischen Menschen mit einer Bierflasche in der Hand. Karsten steht auf einmal blöd da, und er tut sich schwer, mit seinem kaum merklich und doch ganz grundsätzlich aus den Fugen geratenen Leben einfach weiterzumachen.

          Doch genau dies ist das Programm, das nicht zuletzt die Familie vorgibt. Eine Familie, die im Ort bestens angesehen ist, und die sich viele Verdienste um das Gemeinwesen erworben hat.

          Auf einer ersten Ebene ist „Auf einmal“, der dieses Jahr im Panorama der Berlinale Premiere hatte und durchaus auch in den Wettbewerb gepasst hätte, ein Thriller um ein denkbares Verbrechen. Vielleicht sogar eines aus Leidenschaft, auch wenn man diesem Karsten (Sebastian Hülk) dann eher eines aus Gefühlskälte zutrauen würde. Doch auf dieser Ebene klärt sich alles auf, das wäre auch zu sehr „Twin Peaks“, wenn Anna sich als eine deutsche Laura Palmer erweisen würde (die Location gibt die Assoziation her, legt sie sogar ein wenig nahe).

          Milieustudie einer verwobenen Gesellschaft

          Es sind andere Facetten des Abgründigen, die Asli Özge interessieren. Sie hat sich für „Auf einmal“ von einem türkischen Fall inspirieren lassen, der eben aus den Gründen großes Interesse fand, die von der Regisseurin deutlich als nebenrangig ausgewiesen werden: der Skandal eines delikaten Besuchs, der durch einen unerwarteten Tod unabweisbar wird, ist in „Auf einmal“ eben nur der Anlass für eine Milieustudie, mit der sich Asli Özge zum ersten Mal ein Bild von deutschen Verhältnissen macht. Sie lebt seit vielen Jahren in Berlin, ihre ersten Filme aber hat sie in der Türkei gemacht.

          Doch nun wagt sie sich an einen Stoff, der in seiner familiären Konstellation einem Roman von Heinrich Böll entsprungen sein könnte. Karstens Vater Klaus (Hanns Zischler) ist ein einflussreicher Mann, der seine Verbindungen spielen lassen kann. Die latente Korruption einer eng verwobenen Gesellschaft ist aber auch nur ein oberflächlicher Aspekt, etwas, was sich wie nebenbei aus den Bemühungen ergibt, den Ruf von Karsten wiederherzustellen, obwohl es gar keinen richtigen Grund gibt, dass er Schaden genommen haben müsste.

          Provinz ist ein Zustand

          Der dramaturgische Kniff, der „Auf einmal“ sehenswert macht, liegt in der hintersinnigen Weise, in der Asli Özge uns zu Komplizen eines unbescholtenen Mannes macht, der zu einem Helden gar nicht gut taugt. Karsten ist eigentlich ein Langweiler, er gerät in eine dramatische Fallhöhe erst dann, als sich alles zum Guten wenden könnte.

          Man kann an „Auf einmal“ ganz gut ersehen, warum sich das deutsche Kino mit der Provinz so schwertut. Sie ist nämlich tatsächlich so etwas wie ein Gefängnis, es fehlt an mythologischer Schwingung und all dem, was filmisch erst einen Ort konstituiert. Dass es eine Welt geben könnte, die vollständig in sich selbst aufgeht (und sich in ihr selbst erschöpft), die also letztlich tot ist, diesen Verdacht lässt Asli Özge in „Auf einmal“ so konkret werden (und Sebastian Hülk verkörpert ihn auf eine so gekonnt geistlose Weise), dass man begreift: Provinz ist kein Ort (auch keiner in Deutschland), sondern ein Zustand, und das Sonntagsessen ist sein Sakrament.

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