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Audrey Tautou : Frankreich kann so süß sein

Sie leuchtet: Audrey Tautou in „Mathilde - Eine große Liebe” Bild: Warner Bros. Ent.

Sie ist das Gesicht des französischen Films, obwohl ein Gericht ihrem neuen Film „Mathilde“ das Attribut "französisch" aberkannte. Gerettet hat die fabelhafte Audrey Tautou Jean-Pierre Jeunets Weltkriegsdrama dennoch.

          Sie ist nicht groß, 1,60 Meter vielleicht, sie ist sehr, sehr schmal, doch ihr Händedruck ist fest. Sie trägt graue Kordhosen, einen dünnen beigen Pullover und eine schwarze Strickjacke mit Applikationen, die wie kleine Glassteine aussehen, und wie sie da in der Hotelsuite sitzt, direkt unter dem Ölschinken eines kleinen Mädchens im hellen Kleidchen, wirkt sie jünger als ihre 26 Jahre. Ihre Haare sind scheinbar absichtslos ein wenig zerwühlt, so daß sie in die Stirn und seitlich ins Gesicht fallen und ihre großen tiefbraunen Augen hinter einem kleinen Vorhang bleiben.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nationale Galionsfiguren gucken anders. Aber Audrey Tautou ist nun mal vor drei Jahren über Nacht von einer jungen Schauspielerin zu einem Gesicht geworden, das ganz Frankreich kennt. Seit sie in "Die fabelhafte Welt der Amelie" eine Art Seelenarbeit für die Nation verrichtete, kamen Touristen nach Montmartre und kehrten enttäuscht wieder um, weil es dort gar nicht so aussah wie im Kino. Und Jacques Chirac hat sie damals sogar zu einer Privatvorführung eingeladen. "Warum Chirac mich eingeladen hat, weiß ich bis heute nicht. Und so viel hat sich für mich nicht verändert. Ich habe nach ,Amelie' mehr Angebote bekommen. Aber wenn ein paar Wochen lang nichts über einen in der Zeitung steht, vergessen die Leute einen."

          Sie hat nichts gegen Hollywood

          Niemand wird jetzt zu den Schützengräben des Ersten Weltkriegs reisen, in denen ihr neuer Film beginnt, den man am besten "Mathilde - Eine große Liebe" nennt, weil nicht ganz klar ist, ob sein Originaltitel nun "Un long dimanche de fiancailles" ist oder "A very long engagement". Diese Sprachverwirrung hat mit der sogenannten "kulturellen Ausnahme" zu tun, auf der Frankreich beharrt, und es ist eine skurrile Geschichte, da man nun den 38prozentigen Marktanteil des französischen Films im vergangenen Jahr feiert und die Zuschauerzahlen von Jean-Pierre Jeunets Film einfach mitrechnet, obwohl ihm ein Gericht das Attribut "französisch" aberkannte, da das amerikanische Studio Warner Brothers für die Produktion eine französische Tochterfirma gegründet hatte.

          In Jeunets sepiagefärbter Puppenstubenwelt

          Audrey Tautou kann darüber nur lachen. Sie spricht von "juristischen Spitzfindigkeiten" und findet es "bizarr", daß Oliver Stone für seinen "Alexander" französisches Geld bekommen hat, "Mathilde" dagegen nicht. "Es ist schon amüsant, daß die Produktionsfirma, die für ,Mathilde' gegründet wurde, in ihren Statuten stehen hatte, daß sie nur Filme in französischer Sprache mit einem französischen Team drehen werde", sagt sie, "der Zustand des französischen Kinos ist ja beileibe nicht so, daß man so arrogant sein könnte, amerikanische Gelder abzulehnen, um einen französischen Film zu drehen." Sie hat auch nichts gegen Hollywood, sie ist sogar Mitglied der Academy, "und wenn alles gutgeht, spiele ich demnächst in einem Hollywoodfilm".

          Weltkriegsgreuel in Sepia

          Natürlich ist "Mathilde" ein französischer Film - aber es ist zugleich eine 50-Millionen-Euro-Produktion, deren ästhetischer Fluchtpunkt in Hollywood liegt, wo man früher auf dem Studiogelände und heute in den Computern jede Welt in einer Version erschaffen kann, gegen welche die reale Vorlage wie eine Kopie aussieht.

          Es ist auch ein Film, nach dem sich ältere Zuschauer fragen, ob sie womöglich eine neue Brille brauchen, und jüngere wissen wollen, wo zum Teufel denn bloß die Farbe geblieben ist. Jean-Pierre Jeunet hat sich das natürlich auch gefragt und sich dann entschlossen, die Zeit des Ersten Weltkriegs ganz in Sepia zu tauchen, weil er sie sich nicht in den Farben von heute vorstellen kann. So überzieht er die "Grande Guerre" mit einer Glasur, wie er sie schon über "Die fabelhafte Welt der Amelie" gelegt hatte, was nicht so recht einleuchten will, weil sich zwar jeder ein Zuckerguß-Montmartre aus dem Märchenbuch vorstellen kann, aber damit beim Stellungskrieg in Flandern gewisse Probleme hat. Zum Sepiaton paßt die Offstimme: Ein sonores Es-war-einmal, daß die Liebe rein und das Grauen pur war, und wenn auch Blut und Schlamm und zerfetzte Körper nicht schön anzusehen sind, dann dämpft der nostalgische Ton sie doch wie all die Grausamkeiten, die ja auch in den Märchen der Brüder Grimm vorgetragen werden.

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