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Audrey Hepburns Eheszenen : Lieber den Hund küssen als den Prinzen

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Regisseur Anatole Litvak, der gut zwanzig Jahre zuvor, im Jahre 1936, schon einmal den historischen, 1930 erschienenen Mayerling-Stoff des Autors Claude Anet adaptiert hatte, damals für das Kino, und ihn mit Charles Boyer als Kronprinz Rudolf und Danielle Darrieux als Maria besetzte, klagte damals: „Wenn Audrey Maria spielt und mit dem Prinzen spricht, ist sie auch Audrey, die mit ihrem Mann spricht.“ Aus genau diesem Grund „ist es sehr schwierig, Mel dazu zu bringen, dass er sie grob behandelt. Ich musste lange mit ihm arbeiten, um ihn so weit zu haben. Es fiel mir sehr schwer, die beiden zur Darstellung von Leidenschaft zu bewegen. Audrey schien ein besseres Verhältnis zu ihrem Yorkshireterrier zu haben.“

Eine Begegnung im Theater

„Mayerling“ ist ganz Kind seiner Zeit und weitaus besser, als die zeitgenössische Kritik seinerzeit befand. Diese Live-Fernsehproduktion, die mit 107 Mitwirkenden und prunkvollen Ballsaal-Sequenzen aufwendigste, mit unzähligen historischen Kostümen opulenteste und mit einem Produktionsbudget in Höhe von 500.000 Dollar auch bis dahin teuerste überhaupt, stellt zugleich das Fernseh-Debüt der Eheleute Hepburn und Ferrer dar. Einmal agieren sie in „Mayerling“ ausschließlich über Blicke: Kronprinz Rudolf sitzt neben seinem Vater, Kaiser Franz Joseph, auf der Empore im Theater, während unten auf der Bühne Tschaikowski zu sehen beziehungsweise aus dem Off zu hören ist.

Die Bühne ist nicht zu sehen. Lediglich der Balkon der Hoheiten. Und ein anderer, ein zweiter Balkon. Dort sitzt die junge Maria Vetsera im Umkreis ihrer Familie. Und während sie beide, der Kronprinz und die Baronesse, eher gelangweilt der Musik zuhören, begegnen die Augen einander: Erschrecken, Erkennen. Zuvor sind sie sich nur auf einer Art Jahrmarkt begegnet. Einer der Vertrauten des Prinzen raunt ihm wohlwollend-suggestiv zu: „There is no innocence left in this world, Your highness?“ Allein schon dieser eindrücklichen Sequenz wegen ist „Mayerling“ sehenswert.

Eine andere Szene trifft den Kern des emotionalen Historien-Dramas: Als Kronprinz Rudolf, bevor es schließlich auf das Jagdschloss Mayerling geht, einmal mehr eine Feier gibt, wo der Champagner in Strömen fließt und die ihn umschwirrenden Dirnen in Scharen zugegen sind, denen er bisher zugesprochen hat, da sucht ihn Maria auf und fordert ein Vieraugen-gespräch. Rudolf stürzt in sich zusammen, und all seine Zerrissenheit, seine Ambivalenz, seine ganze dualistische und melancholische Persönlichkeit brechen vollends hervor, er beschimpft sie, erniedrigt sich selbst: „Say something. I see, I am not worth talking to. I disgust you. Say something.“ Und Maria erwidert lediglich: „My poor love, how you suffer!“, dann, beinahe hartnäckig: „I love you so much. I am here. I am with you.“ Audrey Hepburn spielt dies mit einer spürbaren Intensität und Tiefe und Präzision, die bewegt und berührt.

Regisseur Stanley Donen, mit dem Audrey Hepburn neben „Funny Face“ auch die flotte Pariser Hitchcock-Hommage „Charade“ (1963) und das die Siebziger in Look und Habitus antizipierende Ehedrama „Two for the Road“ (1967) gedreht hat, sagte einmal über Audrey Hepburn: „Sie bringt meine Seele zum Fliegen. Sie weckt in mir wunderbare Gefühle.“ Mit dem neu erschlossenen „Mayerling“ liegt nun, endlich, nach 56 Jahren des Dornröschenschlafs, ein weiteres Stück vom Gesamtbild dieser anmutigen Seelenbeflüglerin vor.

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