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Chinesischer Film : Auch alte Männer gehen gern ins Bordell

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Das Leben als Wartesaal: Deannie Yip in der Rolle der alten Kinderfrau Bild: Fugu Filmverleih

Ann Huis vielfach preisgekrönter Film „Tao Jie“ begleitet eine einfache Frau ins letzte Lebensstadium. Seine Bilder schmerzen, ohne rührselig zu werden.

          Roger (Andy Lau) und Ah Tao (Deannie Yip - sie gewann dafür den Darstellerpreis beim Filmfestival in Venedig) kennen sich schon ein ganzes Leben lang. Zumindest, wenn man die Rechnung unter Rogers Namen aufmacht. Dass Ah Tao beziehungsweise Tao Jie (Fräulein Tao) einmal nicht Teil seines Daseins gewesen sein könnte, liegt für den jungen Mann außerhalb jeder Vorstellungskraft. Denn seit vielen Jahren arbeitet Tao Jie als Hausmädchen in Hongkong für die Familie Leung, von der letztlich nur Roger an Ort und Stelle verblieben scheint.

          Wo die anderen stecken? In den Vereinigten Staaten. Eine lange Leitung zwischen Hongkong und einer aufgekratzten Familienzusammenkunft in San Francisco zeugen einmal davon. Aber dieses Telefonat führt Ah Tao bereits von einem Apparat aus, dessen Standort nicht Rogers Wohnung ist, sondern ein klaustrophobisches Altenheim.

          Dieses macht die Regisseurin Ann Hui zum Zentrum ihres nunmehr siebenundzwanzigsten Films, „Tao Jie - ein einfaches Leben“. In ihm beendet das Alter naturhaft den Dienst des Fräulein Tao und besiegelt den Übertritt in den letzten Lebensabschnitt mit einem Schlaganfall. Auf jenen folgt der Bezug der neuen Behausung. Und tauschen möchte man mit Fräulein Tao, obgleich sich Teile der Familie Leung und insbesondere Filmproduzent Roger mächtig für das Wohlergehen der alten Dame ins Zeug legen, nicht. Das Hongkonger Pflegesystem entpuppt sich als korrupter Klüngel, in welchem jede Kleinigkeit als Sonderleistung verrechnet wird; ein teures Einzelzimmer gerät zum Kästchen innerhalb eines wabenähnlichen Stellwandlabyrinths.

          Schmerz mit Klavierbegleitung

          Ann Hui lässt all dies unkommentiert. Und besinnt sich vor allem aufs Zeigen. Also schlurft man ein bisschen durch besagtes Heim oder durch Rogers derzeit irgendwie verlassene Wohnung, in der es längst nicht mehr nach den feinen Speisen Ah Taos duftet. Einmal nimmt die Kamera sogar die Verfolgung von Heimbewohner Onkel Kin (Paul Chun) auf, der seine mühsam zusammengeschnorrten Scheine direkt zu einer Prostituierten trägt. Dabei gluckst und hüpft er vor Glück durch schmale Gässchen.

          So reiht sich ein Episödchen an das nächste. Ein jedes für sich liebevoll, ein wenig tragisch, oft auch ziemlich komisch. Ah Taos Lebensabend plätschert vor sich hin, wie es auch Ann Huis Film ohne eine Spur von Hektik tut. Wie „Tao Jie“ endet, bleibt dabei in keinem Moment ungewiss. Und es ist eine Wohltat zu sehen, dass ein Film solchen Inhalts ohne Rumsbums in die letzte Einstellung hinübergleitet. Ohne Rührseligkeit geschieht dies leider nicht. Allerdings legt sich diese derart selbstverständlich über den gesamten Film, dass von einzelnen emotionalen Ausreißern keine Rede sein kann. Was in „Tao Jie“ schmerzt, schmerzt auch im Leben. Nur kommt da selten jemand vorbei und spielt Klavier dazu. 

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