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Atom Egoyans neuer Film : Glück ist nur eine Kontraktion

Wer den richtigen Punkt stimuliert, kann alles Mögliche auslösen: Atom Egoyans Film „Chloe“ schreibt mit Julianne Moore und Liam Neeson ein französisches Ehedrama auf sehr amerikanische Art um.

          3 Min.

          Der amerikanische Produzent, der in einem alten französischen Film erklärt, wann immer er das Wort "Kultur" höre, zücke er sein Scheckbuch, ist kein Feind der Kunst. Er bringt nur das Verhältnis zwischen kalifornischem und europäischem Kinodenken auf den Punkt. Wo Europa von filmischen Möglichkeiten träumt, kalkuliert Hollywood die möglichen Kosten. Kinokunst ist schön, aber teuer, sie muss sich rentieren. Eine künstlerische Idee rentiert sich, indem man sie portioniert und auf den Tisch bringt; Andeutungen verkaufen sich nicht. Das Scheckbuch hält den Moment fest, indem die Kultur zur Ware wird, das Kassenbuch bemisst am Ende ihren Wert. Zwischen beiden liegt der Film, das Produkt eines Traums und eines Bankkontos, das keine Träume kennt.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Atom Egoyans neuer Film „Chloe“ ist das Remake des französischen Films „Nathalie“ von Anne Fontaine, der vor sechs Jahren in die deutschen Kinos kam und von einer Frau erzählt, die eine Prostituierte auf ihren Mann ansetzt, um herauszufinden, warum er sie betrügt. In „Nathalie“ wird die Frau von Fanny Ardant gespielt, die Prostituierte von Emmanuelle Béart und der Ehemann von Gérard Depardieu, so dass der Film auch eine Art Wettkampf der Temperamente ist, der nervösen Eleganz Ardants, der heißkalten Erotik Béarts, der bulligen Unberechenbarkeit Depardieus.

          Der Akt bleibt eine Andeutung

          Die drei reden sehr viel und sehr detailliert über Sex, aber man sieht nie, wie sie ihn praktizieren, der Akt bleibt eine Andeutung, ein Bild im Kopf des Zuschauers. Ursprünglich, so hat die Regisseurin Anne Fontaine erzählt, wollte sie ihre beiden Protagonistinnen zusammen unter eine Bettdecke stecken, aber Ardant und Béart hätten sich der Idee widersetzt. Vermutlich hatten sie recht.

          Julianne Moore: „Beziehungen ändern sich und man muss sie angleichen, damit sie zu den Anforderungen passen.” (Szene aus dem Film „Chloé”)
          Julianne Moore: „Beziehungen ändern sich und man muss sie angleichen, damit sie zu den Anforderungen passen.” (Szene aus dem Film „Chloé”) : Bild: AP

          In „Chloe" dagegen landen die beiden im Bett. Die Frau, das ist Catherine Stewart (Julianne Moore), eine gutsituierte Gynäkologin in Toronto, deren Ehe mit dem Musikprofessor David (Liam Neeson) ihre besten Tage hinter sich hat; und die Prostituierte, Chloe, ist ein Luxus-Callgirl, dessen Arbeitsplatz vor den Fenstern von Catherines Praxis liegt, in einem Nobelhotel, das sie regelmäßig am Arm eines ihrer Kunden verlässt, um in ein Taxi nach Hause zu steigen. Amanda Seyfried, die Darstellerin der Chloe, ist durch die Verfilmung des Abba-Musicals "Mamma Mia!" bekannt geworden; bei Atom Egoyan spielt sie nun die Rolle des Specks, mit dem man Mäuse fängt, und entsprechend skrupellos setzt der Film sie ein.

          Der Reiz der Wäsche und des inneren Monologs

          Noch bevor Dr. Stewart ihre neue Nachbarin entdeckt, dürfen wir Chloe in entblättertem Zustand vor einem Schminkspiegel bewundern, dessen Flügel ihre Erscheinung dekorativ gebrochen auf die Leinwand werfen. Das alles, der Spiegel, die Blondine in schwarzer Reizwäsche, der innere Monolog, in dem sich Chloe zu ihrer Existenz im Auge des Betrachters bekennt, ist klassischer Egoyan-Stil. Doch die Geschichte, die dann folgt, ist es nicht.

          Denn in früheren Filmen wie „Exotica“ und „Wahre Lügen“ hat Egoyan, dieser Zen-Meister des Reflexionskinos, seine Erotica dem Zuschauer immer nur vor die Nase gehalten, um sie im richtigen Moment wieder wegzuziehen. Diesmal aber knallt er sein Blatt auf den Tisch, als wollte er sich den Weg in den Mainstream notfalls mit nackter Gewalt bahnen. Tatsächlich ist „Chloe“ schon jetzt der kommerziell erfolgreichste aller Egoyan-Filme. Die Produktionskosten der französischen (!) Firma Studio Canal waren bereits vor dem Kinostart durch Vorverkäufe in alle Welt gedeckt, jeder zusätzlich verdiente Dollar fließt dem Reingewinn zu.

          Ein Happy End muss her

          Die Kinomaschine, die mit Geld geschmiert wird, zeigt ihre Mechanik offen her. Ein Orgasmus, sagt die Gynäkologin am Anfang zu einer ihrer Patientinnen, sei nichts als eine Muskelkontraktion; wer die richtigen Punkte stimuliere, könne ihn jederzeit auslösen. Dieselbe kalte Wahrheit regiert im designerhaften Eigenheim der Stewarts: Catherine geht auf die fünfzig zu; die Studentinnen, denen ihr Mann den „Don Giovanni“ erklärt, sind höchstens halb so alt. Man ahnt, in welche Richtung Davids Libido ausschlägt.

          Hätte Egoyan den ungerührten Blick durchgehalten, den er zunächst auf seine Figuren wirft, wäre „Chloe“ vielleicht wirklich der erotische Albtraum geworden, den Anne Fontaines Film nur andeutet. Aber die Ehe dieser Geschichte darf nicht zerbrechen, sie muss in die Schablone des Happy Ends passen.

          Egoyan ist in der Welt des Kommerzes angekommen

          Deshalb nimmt „Chloe“ eine falsche Abbiegung nach der anderen. Es beginnt damit, dass Catherine, die von Julianne Moore mit stoischer Verletztheit gespielt wird, in der blonden Chloe keine Waffe, sondern ein Heilmittel im Beziehungsclinch sieht: der Seitensprung als Therapie. Und es endet nach eineinhalb seltsam unsinnlichen Kinostunden mit einem Fenstersturz, bei dem der Rest an Plausibilität geopfert wird, der dem Film zu diesem Zeitpunkt noch geblieben ist.

          Zwar gibt es auch diesmal ein paar jener Erzählsprünge und Montagetricks, die das Markenzeichen des Kanadiers Egoyan sind, und Toronto hat vielleicht nie besser ausgesehen als in „Chloe“. Aber die Glasscheibe, die am Schluss zerschlagen wird, ist mehr als ein filmisches Requisit. In ihr spiegelt sich die künstlerische Entschiedenheit, die Egoyans Kino bisher vor dem Zugriff der Scheckbücher beschützt hat. Jetzt ist das Glas zerbrochen. Willkommen in der Welt jenseits des Traums.

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