https://www.faz.net/-gqz-8mkta

„Wo ist Rocky II?“ im Kino : Stein oder nicht Stein

  • -Aktualisiert am

Vielleicht weiß der Kauz, wo die Kunst ist: Ein Passant wird befragt. Bild: Rapid Eye Movement

Der Antidokumentarfilm „Wo ist Rocky II?“ zeigt, dass das Kino eben doch noch nicht alle Formen von Mockumentary und Selbstreflexivität durch hat. Es geht immer noch ein Stückchen weiter.

          2 Min.

          Moderne Kunst versteckt sich gern. Am liebsten in aller Öffentlichkeit, nämlich genau dort, wo nicht ganz klar ist, was moderne Kunst eigentlich ist. So war das schon beim Urinoir von Marcel Duchamp, und so ist es auf eine andere Weise auch wieder bei Rocky II, einer Skulptur des sehr erfolgreichen amerikanischen Künstlers Ed Ruscha. Rocky II ist, wie der Name schon andeutet, ein Felsen. Er besteht allerdings aus Fiberglas, nachdem sich sein Vorgänger, Rocky I, als nicht dauerhaft genug erwies, er hatte nämlich einen weichen Kern aus Pappmasché. Von der Existenz der beiden Werke wissen die meisten Experten nichts, auch im Catalogue raisonné des Künstlers sind sie nicht verzeichnet. Rocky II wäre wohl für alle Zeiten in Vergessenheit geraten, hätte nicht der Künstler und Drehbuchautor Pierre Bismuth Witterung aufgenommen. Für ihn ist dieses Stück Stein, das nur so tut, als wäre es eines, und das sich mutmaßlich irgendwo zwischen richtigen Steinen in der Mojave-Wüste befindet, so etwas wie ein heiliger Gral der modernen Kunst. Bismuth macht sich auf die Suche; „Wo ist Rocky II?“ ist der dazugehörige Film. Und wie es sich bei diesem Thema fast schon aufdrängt, ist der Film eigentlich zwei Filme (in etwa so, wie es einmal eine Werbung für einen Öltank gab, der zugleich sein eigenes Sicherheitsbehältnis war, woraus die Band Britta einen Popsong machte: „Ich bin zwei Öltanks“).

          Wer gedacht hatte, dass das Kino alle Formen von Mockumentary und Selbstreflexivität schon durch hat, wird von Bismuth eines Besseren belehrt. Es geht immer noch ein Stückchen weiter. Bismuth, den man vor allem wegen seines mit Michel Gondry und Charlie Kaufman geteilten Oscars im Jahr 2005 für „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ kennt, ist klug genug, seinen Expeditionsbericht mit einem Originaldokument zu beginnen. Bei einer Pressekonferenz in der Hayward Gallery in London meldet er sich zu Wort und überrascht den in milder Professionalität versunkenen Ed Ruscha mit einer Frage nach Rocky II. „I see, you’ve done the history on that“, merkt der Starkünstler auf, während niemand sonst so richtig begreift, wovon die Rede ist.

          Brillanten Schluss-Pointe

          Damit ist die Existenz eines Werks erwiesen, das es sich zur Aufgabe gemacht hatte, der Felswüste einen Felsen hinzuzufügen, der keiner ist, vor allem aber unauffindbar bleiben sollte. Was alles zu einer Suche gehört, die sich gerade von dieser Absurdität anspornen lässt, das gibt es in „Wo ist Rocky II?“ zu sehen: ein Privatdetektiv, ehemaliger Angehöriger einer Mordkommission, macht sich an die Arbeit. Naheliegend wäre es, Ruscha zu fragen, aber der macht sich rar, und es wäre auch schlechte Dramaturgie, beim Ende anzufangen. In gewisser Weise tut Bismuth das aber dann doch, aber das begreift man erst allmählich. Dann erweist sich, dass hier zwei Geschichten ineinander verwoben sind. Die eine ist dokumentarisch, die andere fiktional, und die beiden Drehbuchautoren, die damit befasst sind, sehen wir auch noch am Werk.

          Filmtrailer : „Wo ist Rocky II?“

          Sie müssen sich für den Felsen etwas einfallen lassen. Jemand könnte eine Kugel hineinjagen. Da hätte man ein Western- oder Thrillerszenario: „Duel in the Sun“, oder so. Dass Ruscha vielleicht auch an die Felsen gedacht hat, die in Filmstudios gebastelt wurden, liegt nahe bei einem Künstler, der Hollywood zu einem zentralen Arbeitsmotiv gemacht hat. Bismuth hingegen gehört zu jenem Zweig des Kinos, der sich der Dekonstruktion dieser Mythen widmet: Er will der Klassik, in der Felsen noch Felsen waren, auch wenn sie nur so taten, eine Moderne hinzufügen, in der kein Stein auf dem anderen bleibt. Das Ergebnis ist ein gelegentlich abstrus wirkender, im Grunde aber immer höchst präzis argumentierender Film, der mit einer brillanten Pointe endet: der Ankündigung eines Films, der das Dementi (und der Doppelgänger) des gerade gesehenen ist. Aus einem anderen konzeptuellen amerikanischen Klassiker, aus „Suture“ (1993) von Scott McGehee und David Siegel, wissen wir, dass eine Geschichte immer eine Naht hat, von der wir beobachten, wie sie sich allmählich schließt. „Wo ist Rocky II“ zeigt, dass sich die Naht auch schließt, wenn man sie fortwährend auftrennt – und dann ist es zugleich auch noch die kulturell so neuralgische Naht zwischen Kunst und Kino.

          Weitere Themen

          Jazz-Ikone Chris Barber ist tot

          „Ice-Cream“-Mann : Jazz-Ikone Chris Barber ist tot

          Der Pate des britischen Jazz ließ den New-Orleans-Sound in Europa wieder aufleben. Er beeinflusste Generationen von Blues- und Rockmusikern. Nun ist Chris Barber im Alter von 90 Jahren gestorben.

          Topmeldungen

          Nach Kritik an F.A.Z.-Beitrag : Thierse erwägt SPD-Austritt

          Im Streit mit der Parteiführung hat der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse seinen Austritt aus der SPD angeboten. Hintergrund des Streits ist ein Gastbeitrag Thierses in der F.A.Z., in dem er Kritik an einer rechten, aber auch linken „Cancel-Culture“ übte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.