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Animé „Madoka Magica“ : Eine Mädchentragödie

Bild: Universum Film

Der japanische Trickfilm „Puella Magi Madoka Magica: Rebellion“ interpretiert den „Faust“ buddhistisch. Nun ist er endlich auch in Deutschland auf DVD erhältlich.

          Ein Nussknacker mit zerbrochenem Kiefer. Lachende Schülerinnen. Eine weiße Kuschelhasenhamsterkatze mit glühenden Augen, die alle Wünsche erfüllen kann, weil sie der Teufel ist. Eine Krone aus Spinnenlilien auf einem Kinderkopf, dessen Mund der Welt ein furchtbares Urteil spricht – in Japan gilt diese Blume als Symbol für Liebende, die der Tod auseinandergerissen hat; sie findet sich dort oft auf Friedhöfen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Das alles sind Sinnbilder, dicht an dicht gereiht, die einander umarmen, küssen und fressen wollen, während eine Märchengeschichte zu ihrem erschütternden Ende strebt, die schließlich dem Publikum antut, was Tragödien am besten können: Man erkennt, dass man zwar zugeschaut hat, aber erst zum Schluss vom Schauen zum Sehen findet, wie die Heldin, und natürlich ist es dann zu spät.

          Es geht um kleine Mädchen, mit denen eine übernatürliche Macht Verträge geschlossen hat, um sie in einen Kampf gegen Albträume zu ziehen, die aussehen, als habe das tapfere Schneiderlein sie im Wahn zusammengenäht, bevor es sich aufgehängt hat. Diese Mädchen sind, als das Schicksal sie für seinen Gut-gegen-Böse-Weltkrieg rekrutiert, verträumt und verschwärmt, gutherzig, uneigennützig. Das alles nützt ihnen aber nichts; es macht sie sogar zu idealen Opfern jener Macht, die sie anfangs für „das Gute“ halten müssen, weil sie anders aussieht, als die Erwachsenen den Mädchen „das Böse“ erklärt haben.

          Transdimensionale Angstlandschaften

          Der von Gen Urobuchi geschriebene, von Yukihiro Miyamoto inszenierte phantastische Zeichentrickfilm „Puella Magi Madoka Magica: The Movie – Rebellion“, der 2013 in Japan im Kino lief und jetzt nach Veröffentlichungen in Italien, Frankreich, England – also eigentlich überall – mit beträchtlicher Verspätung endlich als deutsche DVD erscheint, handelt davon, was geschieht, wenn sich diese auserwählten Mädchen dagegen wehren, dass man sie beraubt und benutzt, weil das, was sie empfinden, fürchten oder lieben, für Wesen jenseits von Gut und Böse ein begehrter Reizrohstoff ist.

          Fast ebenso wichtig wie die Freundinnen ist die Stadt Mitakihara, ein faszinierender Seelenort.

          Um die Kraftfelder und Schmerzgrenzen des Herzens ging es wie in diesem Film schon in der vorangegangenen zwölfteiligen Fernsehserie „Mahou Shoujo Madoka Magika“ aus dem Jahr 2011, die zwischen futuristischen Schulgebäuden, Apartments mit „Faust“-Zitaten in deutscher Schrift als Wandschmuck und transdimensionalen Angstlandschaften die Geschichte der Schülerin Madoka Kaname erzählte, die ein kleiner Katerkobold namens Kyubey (ein Kürzel für „Inkubator“) zu einem faustischen Pakt verleiten will. Ein anderes Mädchen namens Homura Akemi fährt den beiden immer wieder dazwischen, bevor es zum Vertrag kommt, weil sie die Folgen eines solchen Paktes kennt und am eigenen Leib erlebt hat. Die Faustlegende wird hier, so viel darf man ohne Spoiler verraten, an der buddhistischen Karma-Idee gemessen, wonach Gut und Böse einander durch zahllose Lebenszyklen die Waage halten wollen und der wahre Friede nur denen geschenkt wird, die aus diesen Zyklen entkommen.

          Ein fadenzartes Gespinst von Möglichkeiten

          Anders als Homura, die heimliche Hauptfigur der Serie (und die offene des Spielfilms), anders auch als die Freundinnen Sayaka, Mami und Kyoko ist die Titelfigur Madoka in der Serie eine Hamletgestalt, die weniger unternimmt als vielmehr mit allen mitleidet, wobei sich freilich im Lauf der Zeit so viel Empfinden und Wissen bei ihr staut, dass Madokas traurig-schöne Apotheose zur Erlöserin und Zerstörerin der Zyklen absolut zwingend die ganze Geschichte überspült, vom bitteren Ende her. Wer dieses Serienende – oder die beiden Spielfilme, die man aus dem Material zusammengeschnitten hat – erleben durfte, musste denken: Nach einer derartigen Erfüllung eines an der Oberfläche bunten und wilden, im Innern schwierigen und widersprüchlichen Glücksversprechens kann nichts mehr kommen – „Madoka“ ist, was Serien so selten sind: abgeschlossen.

          Dann aber kam „Rebellion“, ein Drama, das die Aufhebung der scheinbaren Erlösung durch Eröffnung einer neuen Perspektive erreicht: Zeit ist hier kein Fluss zum Ende, kein Feldweg und schon gar keine Datenautobahn, sondern ein fadenzartes Gespinst von Möglichkeiten, in dem Liebende sich leicht verfangen, weil ihre Sehnsucht sich stets vorstellen will, dass alles doch auch ganz anders sein könnte. In der zeichendichten Optik von „Rebellion“ steht für dieses Zeitengeflecht die Stadt Mitakihara mit ihren Fluchten, Schienen, Straßen, Höhen und Abgründen – einer der faszinierendsten Seelenorte der Trickfilmgeschichte.

          Die vielseitige Fülle gegenwärtigen Anime-Schaffens bietet von den futuristischen Kriegsbildern bei „Aldnoah Zero“ über die Psychoduelle von „Black Rock Shooter“ und den schieren Ingmar-Bergman-trifft-David-Lynch-im-Noh-Theater-Irrsinn von „Bakemonogatari“ bis hin zum morbiden Bildungsroman „Aku No Hana: Blumen des Bösen“ (doch, da geht es tatsächlich um Baudelaire) längst das ganze Spektrum dessen, was im (nicht nur japanischen) Realfilm möglich ist; darüber hinaus aber den Reiz der zugleich kontrolliertesten wie berauschendsten Form der Bewegtbilderzählung, die sich denken lässt: Jedes Bild hier ist erfunden, keines einfach abfotografiert, und doch sehen diese Bilder in den stärksten Augenblicken aus, als lasse sich darin leben, lieben, hoffen und verzweifeln. Die Tragödie „Madoka Magica: The Movie – Rebellion“ ist ein Herzstück dieser Form: absolut gegenwartswache visuelle Musik.

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