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Angriff auf „The Interview“ : Nordkoreas Atomversuch im Netz

Film Lärm um nichts: Vergebliche Filmwerbung für „The Interview“ in Los Angeles Bild: AFP

Eigentlich ist „The Interview“ eine harmlose Klamotte. Was mutmaßlich nordkoreanische Hacker mit dem Film veranstalten, ist von anderem Kaliber. Der Angriff selbsternannter Wächter des Friedens ist ein Eskalationsversuch.

          Die Komödie ist wohl die schwärzeste der Saison. Sie bietet viel Stoff – Verwechslungen, Drohungen, düpierte Deppen, schlechte Witze und niedere Beweggründe –, ist aber bislang nur in Teilen publiziert.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Am Donnerstagmorgen ließen amerikanische Stellen mit grollendem Räuspern einige ihnen gewogene Verstärker von der „New York Times“ bis zum Massenblatt „USA Today“ ankündigen, man werde demnächst auch explizit – wie bislang nur hinter vorgehaltener Hand – nordkoreanische Funktionsträger für eine Reihe von Computerangriffen auf das Unternehmen Sony Pictures verantwortlich machen. Bei diesen Datenanschlägen hatten Unbekannte tief in die internen Speicher der Filmfirma gegriffen. Peinliches und Amüsantes, etwa Meinungen von Studioführungskräften über ihre Kreativen und moderat sensationelle Berufsgeheimnisse, darunter Details zum nächsten James-Bond-Abenteuer, wurden danach ins Netz geschüttet, Dateien entstellt, gelöscht und zerstört. Künstlerinnen und Künstler hatten Anlass, sich über das Verhalten der Medien, die einige Leckerbissen aufschnappten, zu beschweren; der Drehbuchautor und Produzent Aaron Sorkin hat das auch öffentlich getan. In den Regelkreisen von Sony fanden sich seither massenhaft destruktive Programme. Die verspielte, aber nicht durchweg unpolitische Bosheit, die dem Täterprofil „Hacker“ heute gern zugeschrieben wird, kam dabei allerdings kaum zum Tragen; kundige Fachgutachter fühlten sich stattdessen an die mittleren Neunziger erinnert, als „script kiddies“, codebegeisterte Halbstarke mit eher sportlichem als netzpolitischem Ehrgeiz, einander beim Anrichten von wirtschaftlichem Schaden und Zerbrechen immaterieller Vorhängeschlösser zu überbieten suchten.

          Auf einmal standen sie als Kriegshetzer da

          Hauptziel der Attacke auf Sony war ausweislich sprachlich unbeholfener Bekennerbotschaften ein vom Konzern produzierter Film der beiden Klamaukhandwerker Seth Rogen und Evan Goldberg, in deren Werken es hauptsächlich um hilflose Menschen geht, die durch Standardsituationen wie Schwangerschaft („Knocked Up“, 2007) oder Weltuntergang („This is the End“, 2013) torkeln.

          Vom Kommandofuror der anonymen Sony-Cyberfeinde, die sich „Guardians of Peace“ nennen, sahen sich Rogen und Goldberg jetzt als Kriegshetzer gebrandmarkt, weil ihr Film „The Interview“ von zwei Medientrotteln handelt, die aufgrund verwickelter Propagandakurzschlüsse zu einem Interview mit dem nordkoreanischen Autokraten Kim Jong-un eingeladen werden, woraufhin die CIA sie als Handlanger eines Mordanschlags auf dieses störrische Hindernis amerikanischer Pläne für Asien instrumentalisiert.

          Ein imposantes Öffentlichkeitsdesaster

          Die hackenden „Guardians“, die von Satire offenkundig weniger verstehen als Till Eulenspiegel von Computerkryptographie, haben den Urhebern der gewiss nicht besonders gefährlichen Klamotte und allen, die sie – etwa durch Vorführung oder Inaugenscheinnahme des Films – irgendwie unterstützen, mit Mord gedroht.

          Rogen selbst und James Franco, die Hauptdarsteller von „The Interview“, sagten daraufhin besonnenerweise alle geplanten Werbeauftritte ab. Den Filmtheatern der Vereinigten Staaten überließ Sony die Entscheidung, den für die nächsten Tage geplanten Start von „The Interview“ zu riskieren oder nicht; de facto ein Verzicht auf in Verträgen verbrieftes Recht.

          Die Kinos werden jede Vorführung unterlassen. Die naheliegende Idee, den Film jetzt einfach ins Netz zu stellen, wurde von verschiedenen Seiten ausgesprochen. Selbst wenn das nicht geschieht, ist das Ergebnis der Affäre für Nordkorea, dessen offizielle Stellen sich bislang nur mit verklemmten Statements geäußert haben, ein Öffentlichkeitsdesaster von imposanter Reichweite. Das strategische Denken – wenn man es so nennen will –, das hinter dem Hack vermutet werden muss, dürfte ungefähr so aussehen: Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion können Staaten, die ihre Souveränität gegen die Gezeitenkräfte des Weltmarkts und der militärischen Neuordnung der Erde behaupten wollen, sich kaum mehr an Moskau anlehnen und auch keine Schaukelpolitik zwischen West und Ost betreiben wie die einstigen „Blockfreien“. Die elektronische Informationswirtschaft zwingt unterdessen vom Privatleben bis zu globalen Wertschöpfungsketten alles unter einen technischen Imperativ, der Staatsgrenzen mühelos überspringt und untertunnelt. An diesem Befund ist nichts falsch; wenn aber Nordkorea oder irgendwelche freischaffenden Codepartisanen daraus folgern, dass Handlungen, die der Verfügungsmacht weltweit agierender starker Sender über ihre Inhalte an die Substanz wollen, nach dem NSA-Skandal noch von irgendwem als pfiffige „David gegen Goliath“-Streiche angesehen werden statt als die unbedachten Kriegserklärungen, die sie unter den gegebenen Umständen sind, dann zeigt sich einmal mehr, dass technische Intelligenz, wenn sie von politischer Dummheit befehligt wird, nicht die Dummheit smarter macht, sondern die Intelligenz dümmer.

          Die Führung Nordkoreas, diplomatisch isoliert, wirtschaftlich im Embargo-Schraubstock, aber militärisch bislang verschont, weil sie die Massenvernichtungswaffen wohl wirklich hat, die Saddam Hussein fehlten, sehnt sich nach einem Imagecoup. Auf der Basis falscher Einschätzungen des Kräfteverhältnisses im Infoweltkrieg ist der aber bestimmt nicht zu holen.

          Liest denn in Pjöngjang niemand mehr Kim Jong-ils Diktat „Über die Schauspielkunst“ von 1988? „Eine Komödie ist eine zur Meditation motivierende Kunst, die durch das Gelächter erzieherisch auf die Zuschauer einwirkt.“

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