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Angela Schanelecs neuer Film : Steine tanzen sehr langsam

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Die Bilder sind so wenig dazu da, dass man es sich darin gemütlich macht, wie die Natur dazu da ist, darin zu wohnen: Astrid (Maren Eggert) ganz allein in einer Szene aus Angela Schanelecs „Ich war zuhause, aber ...“. Bild: © Nachmittagsfilm

Angela Schanelec gehört zu den kontroversesten Figuren im deutschen Kino. Jetzt ist ihr neuer Film „Ich war zuhause, aber ...“ zu sehen. Er zeigt: Bilder sind nicht zwangsläufig leichter zu verstehen als Texte – mitdenken lohnt sich bei beiden.

          Die Filme von Angela Schanelec sind voller Rätsel. Zum Beispiel dieses: Astrid, eine Mutter von zwei Kindern, liegt nachts in einer Wiese inmitten von Herbstlaub. Ihre Hände berühren einen Stein, von dem aber nur ein Stück zu sehen ist. Ein Grabstein? Darauf deutet die Jahreszahl, die im Dunkeln gerade noch erkennbar ist. Im nächsten Bild sieht man, wie Astrid tanzt: wie in einem Musical, gemeinsam mit Phillip, ihrem Sohn, und Flo, der kleineren Tochter. In einem Krankenzimmer, vor einem Bett, von dem noch ein Stückchen weniger zu sehen ist als von dem Grabstein. M. Ward singt zu diesem Bildern seine Version von David Bowies „Let’s Dance“. Der Tanz ist ein Einschub, Astrid verbringt wohl die ganze Nacht im Freien. Am nächsten Tag (oder: an einem anderen Tag) ist Astrid in der Alten Nationalgalerie – dort folgt Schanelec dann aber einem jüngeren Paar.

          An dieser Verknüpfung von Bildern und Tönen, die ein paar Minuten in der Mitte des Films „Ich war zuhause, aber ...“ ausmachen, wird sehr schön deutlich, warum Angela Schanelec zu den kontroversesten Figuren im deutschen Kino gehört.

          Man muss mitdenken, um zu gewärtigen, dass Astrid wohl das einsam gelegene Grab ihres verstorbenen Mannes aufsucht und dass sie sich dort an eine Szene erinnert, als sie diesem Mann während der Krankheit Trost gespendet hat, indem sie mit den Kindern für ihn tanzte.

          Sie hat ihn nicht wirklich wieder

          Nun ist sie schon seit längerer Zeit mit Phillip und Flo allein. In der Familie fehlt ein Mann, während Phillip gerade einer wird. In der Schule spielt man „Hamlet“, die Geschichte eines jungen Mannes, in dessen Familie der Vater fehlt. Phillip war eine Weile verschwunden, damit beginnt der Film. Wo er war, ist nicht ganz klar, es deutet alles darauf hin, dass er irgendwo draußen war. Draußen in der Natur. Draußen, außerhalb der Stadt. Außerhalb der Familie.

          Phillip hatte seine Mutter Astrid und seine Schwester Flo verlassen. Nun ist er wieder da. „Ich hab ihn wieder“, sagt Astrid. Aber sie hat ihn nicht wirklich wieder. Ein wenig später wird sie über Phillip sagen: „Mein ganzes Leben ist in seinen Händen.“

          Der Zustand, den man Leben nennt

          Das ist ein großer Satz, aber Astrid sagt ihn ohne übermäßige Betonung. Dabei legt sie gerade einen starken Auftritt hin. Sie hat sich Zugang zum Lehrerzimmer verschafft, in der Schule von Phillip, und sie spricht nun zu der ganzen Belegschaft über ihren Sohn. Sie appelliert: „Ich weiß, Sie müssen sich ein Urteil verschaffen, aber das scheint mir nicht möglich. Ich bin mit etwas konfrontiert, was ich nicht lösen kann.“ Astrid ist damit konfrontiert, dass Phillip „ein Mann ist oder wird. Es gibt kein Wort für diesen Zustand.“

          „Ich war zuhause, aber ...“ ist ein Film über den Zustand, den man Leben nennt. Angela Schanelec findet diesen „anderen Zustand“ (so nannte Musil die Formen der Transzendenz im Alltäglichen unter den Bedingungen der Moderne) nicht auf großen Abenteuern, sondern inmitten des Lebens, wie es in einer Stadt wie Berlin jeden Tag stattfindet.

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