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Angela Schanelecs neuer Film : Steine tanzen sehr langsam

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Worte gibt es dafür viele

Sie ist eine Chronistin der Gegenwart und öffnet diese Gegenwart zugleich in jedem Moment auf ihre bestimmenden Dimensionen: auf ein Bewusstsein für die Traditionen, aus denen sie kommt, und auf ein Bewusstsein von der Offenheit in eine ungeahnte Zukunft. Auf ein Leben, das seiner Natur nicht entfremdet ist und seiner Kultur gewahr.

Worte gibt es für diese Spannung sehr viele, das weiß Angela Schanelec nicht zuletzt von ihren Erfahrungen am Theater, wo sie als Schauspielerin begann, bevor sie Filmemacherin wurde. Auf diese Erfahrungen kommt sie in „Ich war zuhause, aber ...“ (der Filmtitel enthält eine Anspielung auf einen Klassiker von Yasujiro Ozu) zurück, indem sie eine Schulklasse „Hamlet“ spielen lässt – in einer Übersetzung übrigens, die sie einst gemeinsam mit ihrem Mann, dem 2009 verstorbenen Regisseur Jürgen Gosch, angefertigt hat.

Vielleicht sogar der Grundakkord dieses Werks

Das Theater wusste immer um die Künstlichkeit seiner Situation. In der Regel wurde diese als Vorzug genommen, als eine Ausnahme vom Alltag, die es erlaubt, sich über Grundsätzliches zu verständigen. Angela Schanelec übernimmt dieses Privileg ins Kino, achtet aber sehr darauf, die Ausnahme (eine hoch bewusste Sprachlichkeit und Körperlichkeit) wieder natürlich werden zu lassen.

In den ständigen Übergängen zwischen Natur und Kultur könnte man vielleicht sogar den Grundakkord ihres Werks sehen: Charakteristisch sind dabei die vielen Einstellungen, in denen sich Bildräume auf Wasser oder Vegetation öffnen. Die gestalteten Räume, mit denen Menschen sich umgeben, sind eingebettet in eine gestaltete Natur, die zumindest noch in Andeutungen wissen lässt, dass sie einmal Wildnis war.

So spricht man im Alltag eigentlich nicht

In den letzten beiden Filmen ist dieses Motiv nun noch deutlicher geworden: Sowohl in „Der traumhafte Weg“ wie auch in „Ich war zuhause, aber ...“ gibt es Szenen, in denen Menschen die bürgerliche Welt hinter sich lassen. Es sind keine endgültigen Entscheidungen, aber es sind Bilder, die einen Horizont öffnen: Sich ins Moos zu betten, sich auf einen Stein am Bach zu legen, das sind Aussetzungen in eine Geborgenheit, die man im eigenen Bett nicht finden kann. Die konventionelle Form dieser Erfahrung gibt es in vielen Geschichten: Menschen fahren ans Ende der Welt, um etwas zu finden, was ihnen der Alltag verschweigt.

Zu diesem kulturellen Alltag, wie ihn zum Beispiel das Fernsehen mit seinen Formatlogiken, aber auch das deutsche Kino auf seiner Suche nach Erfolgsrezepten bestimmt, hält Schanelec eine genau bestimmte Distanz.

Auch mit Astrid (großartig gespielt von Maren Eggert) kann man sich identifizieren, aber das hebt die Fremdheit nicht auf. Sie macht die ganze Zeit eigentlich ganz normale Dinge, aber sie macht sie mit einer Bestimmtheit, die auf etwas Prinzipielles verweist. Wenn sie die Lehrer mit ihrer Bestürzung über den „Zustand“ ihres Sohnes Phillip konfrontiert, dann hat das etwas von einem Ereignis: so spricht man im Alltag eigentlich nicht, so klar und überlegt und herausfordernd, dabei aber die eigenen Zweifel nicht verbergend. Aber vielleicht sollte man so sprechen.

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