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Andreas Dresens neuer Film : Das doppelte Ottchen

Henry Hübchen und Corinna Harfouch hätten den neuen Film von Andreas Dresen auch allein tragen können. Aber „Whisky mit Wodka“ sollte unbedingt ein Ensemblestück werden, großer Kintopp mit Witz und Tiefgang.

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          Es gibt Leute, die Andreas Dresen für einen Ost-Regisseur halten. Dabei bringt er nur auf die Leinwand, was dem sogenannten West-Kino lange Zeit gefehlt hat: kleine Geschichten mit überschaubarem Personal, aber ohne Fernseh-Rhetorik oder Ballermann-Witzchen; komische Dramen aus jener tiefen Provinz, die auch in einer Seitenstraße der Hauptstadt liegen kann. Am besten hat das in „Halbe Treppe“ (siehe auch: Einfühlsam: „Halbe Treppe“ von Andreas Dresen) und „Willenbrock“ (siehe auch: Im Kino: „Willenbrock“) funktioniert, aber auch „Sommer vorm Balkon“ (siehe auch: Im Kino: Andreas Dresens „Sommer vorm Balkon“) und zuletzt „Wolke Neun“ (siehe auch: Video-Filmkritik: „Wolke neun“) zeigten Dresens Talent für Kammerspielkino.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ein ganz anderer Fall sind Ensemblefilme, in denen das Gewicht der Geschichte auf viele Schultern verteilt ist. In „Nachtgestalten“, seinem Meisterwerk, hat Dresen das Risiko der Verzettelung vermieden, indem er die Handlung in einzelne Episoden zerschlug. In seinem Debütfilm „Stilles Land“ (1992) über ein DDR-Provinztheater zur Zeit des Mauerfalls löst die Hierarchie der Bühne das Problem: Erst kommt der Regisseur, dann kommen Schauspieler und Techniker. Daran will Dresen jetzt mit „Whisky und Wodka“ anknüpfen. Und fast hätte es auch geklappt. Aber nur fast.

          Es sollte großer Kintopp werden, mit Witz und Tiefgang

          Es geht um einen alternden Filmstar (Henry Hübchen), der für ein Dreiecksliebesdrama in Zwanziger-Jahre-Kostümen auf Rügen vor der Kamera steht. Dieser Otto Kullberg hat ein Alkoholproblem, weshalb ihm die Produktion einen jüngeren Schauspieler (Markus Hering) als Double zur Seite stellt, um bei einem Zusammenbruch des Stars mit dem Ersatzmann weiterdrehen zu können. Das Double arbeitet sich eifriger in die Rolle ein, als Kullberg lieb sein kann, zumal die Hauptdarstellerin Bettina Moll (Corinna Harfouch), mit der er vor Ewigkeiten liiert war, auch in dem Jüngeren ein Licht entzündet. Bald bekriegen sich der Mime und sein Schatten mehr oder weniger offen auf dem Set, wo mit der Nachwuchsschauspielerin Heike (Valery Tscheplanowa) noch ein weiteres Streitobjekt zur Hand ist, um das die beiden Hähne kämpfen können.

          Die Idee zu der Geschichte bekam der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase von dem vor drei Jahren verstorbenen Regisseur Frank Beyer geschenkt, der als Assistent bei dem Defa-Zweiteiler „Schlösser und Katen“ im Jahr 1957 eine ähnliche Konstellation erlebt hatte. Wenn man allerdings Henry Hübchen als Kullberg über die Szene wanken sieht, die Kehle voll Schnaps und den Mund voller Bonmots, denkt man eher an den seligen Harald Juhnke und seine berüchtigten Ausfälle. Hübchen und die wunderbar spröde Corinna Harfouch hätten den Film auch allein tragen können, und vielleicht wäre es tatsächlich besser gewesen, wenn Kohlhaase und Dresen den Stoff zu einer Zweipersonengeschichte umgeschrieben hätten. Aber „Whisky mit Wodka“ sollte unbedingt ein Ensemblestück werden, großer Kintopp mit Witz und Tiefgang. Und so verliert sich der Film in dem Rummel, den er beschwört.

          Um tiefer zu sehen, fehlt ihm der Altman-Blick

          Die Bruchstelle in Kohlhaases Kino-Erzählung ist die von Sylvester Groth mit angezogener Temperamentbremse gespielte Figur des Regisseurs. Eigentlich müsste sich dieser Telleck, bei dem alle Fäden zusammenlaufen, einen Machtkampf mit Kullberg liefern, aber Dresen rückt ihn in den Hintergrund, um die melancholische Milde seines Films nicht durch schrillere Töne zu entstellen. Doch genau darum geht es in Ensemblefilmen, zumal solchen über die Herstellung von Kinobildern: das Gruppenbild auszureizen, bis es zerbricht.

          Man muss dabei nicht gleich an Klassiker wie Fellinis „Achteinhalb“ oder Godards „Passion“ denken, aber schon ein kurzer Blick auf Wim Wenders' düsteren „Stand der Dinge“ von 1981 gibt einen Eindruck davon, was man aus einer vergleichbaren Geschichte auch machen kann. Gut, das ist fast dreißig Jahre her, und inzwischen haben sich die feindlichen Brüder Regie und Produktion im deutschen Film wenigstens teilweise zu jener Schicksalsgemeinschaft weiterentwickelt, die Dresen vor der Kulisse der Ostsee in Pastellfarben ausmalt. Aber die Tragödien vor und hinter der Kamera sind die gleichen geblieben. „Whisky mit Wodka“ walzt allzu gut gelaunt über sie hinweg. Um tiefer zu sehen, braucht man den Altman-Blick. Dresen hat ihn nicht. Um so genauer sieht er dem deutschen Kleinbürger ins Herz.

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