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Film „Mona Lisa and the Blood Moon“ : Gegenwehr als Hexerei

Jeon Jong-seo (links) spielt mit Augen, die mehr wirre Wunder gesehen haben, als in zehn solcher Filme passen würden. Bild: Institution of Production, LLC

Finsterfrösche hinter Neonfassaden und mondsüchtige Mündigkeit: Ana Lily Amirpours Fantasyfilm „Mona Lisa and the Blood Moon“ im Kino.

          3 Min.

          Das Gegenteil ist wahr: Mit diesem Satz widerspricht magisches Denken, das auf sich hält, gern plumpen Alltagsüberzeugungen wie „Geldautomaten kann man leichter knacken als Seelen“ oder „eine Voodoopuppe weiß weniger als ein Mensch“.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          In „Mona Lisa and the Blood Moon“, einem mit seltener Konsequenz durchdachten, erz- und urmagischen Film, flieht ein Mädchen aus einem Psychoknast, in dem man sie, wie’s auf Aktendeutsch heißt, „betreut“ hat (soll sagen: Beschimpfungen, Schläge auf den Hinterkopf, Erniedrigung), und entdeckt etwas, wovon das Publikum anfangs irrtümlich meint, es sei ihm bereits bekannt: die Wirklichkeit.

          Mona Lisa, so heißt das Mädchen (man denkt: weil die junge Frau ein Bild ist, dann hört man Gesang und versteht: Nein, sie ist ein Lied), kann sich selbst zum Modell ihrer Verfolger machen und diese dann gestisch oder per Gedankenhauch fernsteuern; ein Zauber der Gegengewalt, rebellischer Bann. Diese übernatürliche Kraft, so deuten Bilder an, stammt aus der Wildnis, dem dampfend feuchten Dunkel, das New Orleans umgibt, wo die Finsterfrösche quaken. Aber die Stadt lockt mit Neon und Snacks (manchmal muss man den Besitzer küssen, wenn man an den Knabberkram will, Mona Lisa lernt schnell und erledigt das wie eine Eidechse: mit eiskalter Zunge).

          Jeon Jong-seo spielt die Flüchtige mit Panikschweiß auf Stirn und Augen, die mehr wirre Wunder gesehen haben, als in zehn solcher Filme passen würden. Das übrige Ensemble wird der Glut dieser fantastischen Junghexendarstellerin mit mehr oder weniger flackerndem Widerspiel immerhin halbwegs gerecht: Kate Hudson gibt eine Stripperin (und alleinerziehende Mutter) namens Bonnie, mit exorbitanten Fingernägeln und noch spitzerer Zunge, Evan Whitten verkörpert ihren kleinen Sohn als ansteckende Vorführung frühpubertärer Hibbeligkeit, die zu Heavy-Metal-Musik so exakt zuckt, dass man den Ton auch weglassen könnte, und Craig Robinson als gesetzestreuer, aber weichherziger schwarzer Sicherheitsdienstleister spielt den aus dem Gleichgewicht geratenen personifizierten Nachtwächterstaat so vergrätzt, dass man ihn die Gesetze nicht nur hüten, sondern auch gleich schreiben lassen möchte. Ed Skrein als goldiger Drogendealer „Fuzz“ („Sie nennen mich Flaum, weil ich so weich und pelzig bin“) schließlich erledigt seinen Zwischenspieljob löblich uneitel als preiswerte Kreuzung aus James Franco und Ethan Hawke.

          Die bekiffte Annäherung dieser Figur an die Heldin löst sich nach ein paar halbriskanten Nettigkeiten schmerzlos in Nichts auf. Bei David Lynch oder Paul Schrader wäre sie schnell anstrengend geworden; sofern es aber etwas wie einen weiblichen, besser vielleicht: emanzipierten (nämlich: in erotischen Fragen an Dominanz und Widerstand weniger als an gleichberechtigtem Spiel interessierten) Blick gibt, zeigt die Regisseurin Ana Lily Amirpour hier wohl, wie unerwartet tief der in die Leute gucken kann: schwindlig, süß, schön.

          Gräuelquappen statt Gruselkröte

          Ist das Ganze ein Horrorfilm? Könnte schon sein, es gibt darin ja genug Gewalt mit schwarzer Kruste, stinkend sumpfige Sachverhalte (Oh Gott, was passiert jetzt mit dem Kind?) und hysterisches Herzrasen. Aber um das alles geht’s viel weniger als um eine versponnene, nebulös mondsüchtige Idee von Mündigkeit, die sich Mona Lisa erkämpfen muss, deshalb gibt es hier fürs Publikum bei allem Spuk nie eine echt eklige Gruselkröte zu schlucken, sondern allenfalls ein paar kleine Gräuelquappen. Ein eigenwilliger Film wie dieser, der die Kamera mal als Jagdwaffe und dann wieder als Fluchtfahrzeug einsetzt, zeigt natürlich dauernd abwechselnd das Ausweichen und das Davonkommen. Darüber hinaus jedoch schlägt Frau Amirpour vor, die allfälligen „Das war knapp“-Situationen als je unterschiedliche Schreibweisen der Idee „Beinahebegegnung“ zu lesen.

          Zwei Personen können nämlich zur selben Zeit an unterschiedlichen Orten hautnah koordiniert im Einklang handeln und umgekehrt einander selbst da, wo sie direkt Atemluft teilen, vollständig verfehlen, existenziell voneinander abgewandt. Im schummrigen Licht solcher Überlegungen zeichnet sich in „Mona Lisa and the Blood Moon“ ein Realismus ab, der nicht (wie etwa die trocken vulgärrealistische Formel „sei doch vernünftig!“) dazu rät, sich ins Gegebene zu schicken, sondern den Ausbruch daraus damit begründen kann, dass die meisten gesellschaftlichen Lagen von Leuten gebildet werden, die in gewissem Sinne stets „nicht ganz da“ sind und also ignoriert werden könnten, statt dass man sich von ihnen einfangen, einsperren und abrichten lässt. Einmal wird versucht, die Heldin ruhigzustellen, indem man sie vor den Fernseher setzt. Sie betrachtet befremdet einen nordamerikanischen und einen nordkoreanischen Vollidioten beim völkerrechtlichen Flirt.

          Nachrichtenquellen und andere Medien (von den staatlichen über die privaten bis zu den sogenannten „sozialen“) verbreiten heute bekanntlich nichts lieber als die entmündigende Behauptung, das Theater der planlos Herrschenden, der Politclowns und Wirtschaftsgangster, sei von Gewicht, während dem Wünschen, Wollen und Wähnen der Ohnmächtigen keine Bedeutung zukomme. Aber die Pipeline, die dieses böse Heiz- und Reizgas in die Köpfe pumpt, hat ein Loch, das Vorstellungsvermögen, mit dem man Flüche schmiedet und Filme dreht. Macht soll wichtiger sein als Glück? „Mona Lisa and the Blood Moon“ weiß: Wahr ist das Gegenteil.

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