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Im Kino „Amour fou“ : Marionette und Veilchen gehen sterben

Die Waffe ist falsch angesetzt, trotzdem ist Christian Friedel in der Rolle des Heinrich von Kleist bemerkenswert Bild: dpa

Wie Heinrich von Kleist und seine Selbstmordpartnerin Henriette Vogel zu Tode kamen, ist bekannt. Der Film „Amour Fou“ sieht es aber anders.

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          Zuerst sieht man Kleist nur im Spiegel. Er hängt da im Hintergrund eines klassizistischen Salons wie eine Gliederpuppe im Schnürboden herum, klein und regungslos. Wir befinden uns auf einer Berliner Abendveranstaltung im Haus des Finanzbeamten Louis Vogel, dessen Frau Henriette die Musik liebt. Zum Vortrag gebracht wird gerade Mozarts „Veilchen“, nach einem Gedicht Goethes, in dem das Blümchen als „gebückt in sich und unbekannt“ beschrieben wird. Und genauso sitzt Henriette Vogel auf ihrem Stuhl: gehemmt, aber irgendwie anmutig. Das Veilchen wird dann im Lied von einer Schäferin zertreten, deren Zuneigung es sich gewünscht hatte. Damit ist schon vieles angedeutet.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn Henriette Vogel, die im November des Jahres 1811 mit Kleist am Wannsee Selbstmord begehen wird, in diesem Film ein Veilchen ist, dann erinnert Kleist in „Amour fou“ von Jessica Hausner an eine Marionette. Der Schauspieler Christian Friedel, den wir als den Lehrer aus Michael Hanekes „Das weiße Band“ kennen, sieht dem bekannten Dichter-Porträt von Peter Friedel (eine sonderbare Namensgleichheit) verblüffend ähnlich: die hängenden Schultern, die Frisur, die breite Nase, der spitze Mund, die kindlichen Züge. Diese Figur hat, wie es Kleist in seinem Aufsatz „Über das Marionettentheater“ beschreibt, ihren Schwerpunkt „in sich“.

          Gedankenlosigkeit als Erlösung

          Als der Liedvortrag vorüber ist, ruft eine Salondame, ausgestattet mit einer Lockenpracht, welche an die Gemälde Jacques-Louis Davids erinnert: „Das war zum Erschießen schön!“ Und an dieser Stelle treffen sich zum ersten Mal im Film die Augen von Henriette und Heinrich, der eine Partnerin zum Sterben sucht. Der Überlieferung zufolge stammte dieser Begeisterungsausruf übrigens von Kleist selbst. Für die durchhängende Heinrich-Version Jessica Hausners aber, die auch das Drehbuch schrieb, wäre das wohl der Emotion zu viel gewesen.

          Hausner stellt eine erstarrte preußische Gesellschaft dar, die sich von Bediensteten die Schuhe binden lässt und im Grunde nur eines fürchtet: dass in Zukunft auch die besseren Kreise Steuern zahlen müssen. Dieses Sittengemälde schaut man sich gerne an. Wenn dann aber Kleist erklärt, er fühle sich in dieser Gesellschaft wie im Marionettentheater, stößt die konstruierte Handlung mit Kleists innerstem Denken zusammen. Geschenkt, dass im Film mit Beethovens „Wo die Berge so blau“ mehrmals ein Lied angestimmt wird, das erst fünf Jahre nach Kleists Tod entstehen wird, und dass Kleists Redebeiträge größtenteils seinen Abschiedsbriefen entstammen („Mir ist auf Erden nicht zu helfen“) - all das könnte noch als formales Experiment durchgehen. Wenn man aber Kleist das Marionettenmotiv in den Mund legt, sollte es bei einem so originären Denker auch passen. Tut es aber nicht. Denn für Kleist war die Marionette, anders als etwa für Büchner einige Jahre später, eine durchaus positive Figur, eine, die, wie er im Aufsatz schreibt, durch ihre naturgemäße Gedankenlosigkeit eine Chance auf Erlösung in sich trägt. Kleist war eher Subjektivist als Fatalist.

          Ein weichliches Fragezeichen

          Was den Film zum Scheitern bringt, ist aber vor allem der titelgebende „Amour fou“, eine verrückte Liebe, die an Kleists „Marquise von O ...“ angelehnt ist. So, wie die Marquise einen unbewussten Ohnmachtszustand zur Erfüllung ihrer Liebessehnsucht erzeugt - das wäre zumindest eine mögliche Lesart der Novelle -, bedient sich Henriette Vogel eines hypochondrischen Akts, um für die todesfixierte Liebe Heinrich von Kleists in Frage zu kommen. Um diese krude These durchzuziehen, muss die Biographie der beiden massiv entstellt werden. Selbst Henriettes durch die Obduktion von 1811 beglaubigtes Krebsleiden, das einen Todeswunsch abseits der Liebesbedürftigkeit motiviert hätte, wird am Schluss vom Hausarzt zur Einbildung erklärt. Der Film hat durchaus seine Stärken: Das Ensemble Jessica Hausners, in dem auch Sandra Hüller als Marie von Kleist und Stephan Grossmann als Louis Vogel hervorstechen, spielt großartig. Die Interieurs sind zuweilen richtige kleine Kunstwerke; es gibt komische Szenen. Wie aber die letzten Stunden von Kleist und Henriette Vogel ausgemalt werden, ist mutwillig und lieblos.

          Gucken nicht romantisch: Heinrich von Kleist hat in Henriette Vogel (Birte Schnöink) ein williges Opfer für seine Selbstmordpläne gefunden.

          Aufgrund von Zeugenaussagen wissen wir genau, was die beiden in ihren letzten Stunden getan haben. Sie machen Freudensprünge auf einer Kegelbahn, sie bestellen mehrere Flaschen Wein, sie lassen sich Tisch, Stühle und Kaffee an den Wannsee bringen. Wir kennen die Kleidung, die sie tragen, wissen, wie sie die Pistolen einsetzen, kennen die Haltung, in der sie aufgefunden werden. Jessica Hausner schert sich um all das nicht im Geringsten. Bei ihr gehen Kleist und Henriette einfach wie Marionette und Veilchen zum Sterben. Die gezeigten Todesumstände sind frei erfunden. So wird Henriette von Heinrich im Film recht skrupellos mit einigem Abstand erschossen - laut Polizeibericht starb sie aber an einem aufgesetzten Schuss, möglicherweise in Andachtshaltung. Kleist selbst setzt im Film die Pistole an die Stirn, obwohl er sich nachweislich in den Mund geschossen hat. Nach zweifacher Ladehemmung sieht man auch noch kurz sein Gesicht. Doch statt der überlieferten blauen Augen schauen den Zuschauer nach den Schüssen tiefdunkle Mangaaugen an, in denen jeder Ausdruck fehlt. Den unerklärlichen Heinrich von Kleist als weichliches Fragezeichen? Das hätte man sich sparen sollen.

          Was Jessica Hausners Film der Figur Kleist an Strahlkraft zu verdanken hat, zahlt sie ihr nicht zurück. Mit Heinrich von Kleist im engeren Sinn hat ihr Film recht wenig zu tun. Um die vergebenen Möglichkeiten ist es jammerschade, auch wegen der bemerkenswerten Schauspieler.

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