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Amerika : Judith Millers Lebewohl

  • -Aktualisiert am

Gekündigt: Judith Miller Bild: REUTERS

Wegen ihrer Rolle in der Affäre um die Enttarnung einer CIA-Agentin hat „New York Times“-Journalistin Judith Miller ihre Zeitung verlassen. Sie könne nicht mehr als Reporterin arbeiten, nachdem sie selbst zur Nachricht geworden sei.

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          Nach achtundzwanzig Jahren Dienstzeit und zwei Wochen Verhandlungen mit ihrem Arbeitgeber verläßt die in die Schlagzeilen geratene Starreporterin Judith Miller die „New York Times“. Miller war erst Ende September aus der Beugehaft entlassen worden, nachdem sie sich bereiterklärt hatte, den Namen ihres Informanten in der Washingtoner Affaire um die gesetzeswidrige Enthüllung einer C.I.A.-Agentin zu nennen.

          Auch aufgrund ihrer lang hinausgezögerten Aussage wurde vor kurzem Klage gegen I. Lewis Libby, den inzwischen zurückgetretenen Stabschef von Vizepräsident Cheney, wegen Meineids und Behinderung der Justiz erhoben. Während ihrer Haft wurde Miller von ihrer Zeitung noch mit glühenden Worten verteidigt, ja zu einer Heldin stilisiert, die sich für die Freiheit und Unabhängigkeit des Journalismus geopfert habe. Auch eine ausführliche Erklärung, die Miller nach ihrer Freilassung in der „Times“ über die Beweggründe ihres Verhaltens veröffentlichte, konnten jedoch nicht einmal im eigenen Blatt die Kritiker zum Schweigen bringen.

          „Woman of Mass Destruction“

          Maureen Dowd, die giftspritzende, dabei unerreicht unterhaltsame Großkolumnistin, bezeichnete ihre Kollegin als WMD, als Woman of Mass Destruction. Damit bezog Dowd sich auf vermeintliche Funde von Massenvernichtungswaffen (Weapons of Mass Destruction, WMDs), über die Miller aus dem Irak gern atemlos als eingebettete Reporterin im schicken Militäroutfit berichtete. Von der offiziellen Regierungslinie konnte sie sich schließlich nur schwer, auch nur schwer merkbar trennen.

          Für die Konkurrenz bleibt dies zwar bis heute ein gefundenes Fressen, aber Millers enge Freundschaft mit Arthur Sulzberger Jr., dem Herausgeber der „New York Times“, hatte sie bisher vor allen dramatischen Konsequenzen bewahrt. Offensichtlich fand nun auch Sulzberger keinen Weg mehr, Millers nach wie vor undurchsichtige Rolle in der Informantenaffaire zu verteidigen. Es kam sogar der Verdacht auf, sie habe die Zeitung über Gespräche mit hochrangigen Regierungsvertretern im dunkeln gelassen.

          Abschiedsbrief

          Zum Abschied wollte sie das alles auf der für reguläre Kolumnisten und gastierende Meinungsmacher reservierten Op-Ed Seite erklären. Die „Times“ gestand ihr jedoch nur zu, unter der Überschrift „Judith Millers Lebewohl“ einen Brief zu veröffentlichen, in dem sie auch die Diskrepanzen mit ihren Kollegen für ihren Rücktritt verantwortlich macht. Bill Keller, der Chefredakteur der „Times“, wies zum Abschied auf ihre Verdienste hin. Als Mitarbeiterin in einem Team, das schon vor den Terroranschlägen auf Amerika über die Bedrohung durch Al Quaida berichtete, hatte Miller einen Pulitzerpreis gewonnen.

          Auch Sulzberger bedankte sich bei ihr dafür, daß sie ein persönliches Opfer gebracht habe, um einen wichtiges journalistisches Prinzip zu verteidigen, und fügte nicht gerade aufsehenerregend hinzu: „Ich respektiere ihren Entschluß, die „Times“ zu verlassen, und wünsche ihr alles Gute.“ Er wird nicht im ernst glauben, mit solchen Allerweltsfloskeln die Wogen, ob in seiner unmittelbaren Umgebung oder weiter draußen im journalistischen Lande, zu glätten. Mittlerweile steht auch er direkt im Feuer der Kritik. Millers Rücktritt wird gewiß nicht den Schlußpunkt der Affaire setzen.

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