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Amerika : Die goldene Reserve

  • -Aktualisiert am

Mustersoldat: James Stewart 1941 in Fort MacArthur Bild: AP

Clark Gable flog Bombeneinsätze für die Air Force, Steve McQueen fuhr Panzer, und selbst Jimi Hendrix trug die Uniform: Amerikas Nationalarchiv öffnet die Militärakten seiner prominenten Soldaten. Doch warum gerade jetzt?

          5 Min.

          Er war mit voller Sehschärfe gesegnet, kaute aber auf einer schon einmal geflickten Zahnbrücke und trug ehrenhaft die Narbe einer tapfer überstandenen Blinddarmoperation. Somit war er zum Wehrdienst geeignet, auch wenn er das fortgeschrittene Alter von einundvierzig Jahren erreicht hatte und einen indirekt gewiß staatstragenden Beruf ausübte. Aber zum einen wurden 1942 neue Soldaten gebraucht, zum anderen war er gerade dank dieses Berufs ein Traumrekrut.

          Clark Gable hob die Hand zum Rekruteneid zwar im geheimen, um die Fans nicht gleich reihenweise in die Ohnmacht zu schicken, aber an seinem Soldatenleben sollte dann doch die ganze Nation teilhaben können. Zufällig diente neben ihm sein bevorzugter Kameramann, der die Gelegenheit wahrnahm, Gables wunderbare Verwandlung vom Filmhelden in den Kriegshelden auf Zelluloid zu bannen.

          Hollywoods Uncle Sam

          Der diskretere Zweck der Übung war, nach geglücktem Kampfeinsatz den frischgebackenen Feldwebel als Rekrutenfänger, sozusagen als Hollywoods Uncle Sam, loszuschicken. Gable flog tatsächlich Bombeneinsätze für die in England stationierte 8th Air Force, endete dann aber stilgerecht im sonnigen Kalifornien bei der First Motion Picture Unit, die für Rekrutierungsfilme zuständig war. Der Glamour blieb so seiner Militärkarriere treu bis zum Schluß, vorauseilend sogar bis in seine Entlassungspapiere, die niemand anders als ein gewisser Unterfeldwebel Ronald Reagan unterzeichnete.

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          Amerika : Die goldene Reserve

          Gables lustiges Soldatenleben war naturgemäß kein Staatsgeheimnis, aber all die Hintergründe erfährt die Nation erst jetzt, da das Nationalarchiv wieder einmal einen gewaltigen Schwung Akten der Öffentlichkeit zugänglich macht. Die militärischen Unterlagen von 1,2 Millionen Frauen und Männern, die zwischen 1885 und 1935 in der Navy oder bei den Marines dienten, sind ab sofort im National Personnel Records Center in St. Louis einzusehen, wo Amerika unvorstellbare 56 Millionen Personalakten inaktiver Soldaten und zudem die seiner Beamten verwahrt. Gleichzeitig veröffentlicht werden die Militärgeschichten von hundertfünfzig Prominenten oder genauer: „persons of exceptional prominence“, die auch der Army oder, wie Clark Gable, der Air Force angehören durften. Sage nun niemand mehr, die Beamten im Nationalarchiv hätten keinen Sinn für Publicity.

          Schaukämpfe zu Ehren Amerikas

          Warum sie ausgerechnet in diesen Tagen den Vorhang lüpfen, könnte eine heiklere Frage sein. Zumal da ursprünglich das Pentagon sich die Aktion ausgedacht hat, käme ein bestimmt allzu skeptischer Beobachter leicht auf die Idee, hier sollte der historische Vaterlandsdienst von Künstlern, Sportlern und prominenten Politikern in einer Gegenwart, die seit dem Irak-Krieg dramatisch eingebrochene Rekrutierungszahlen zu notieren hat, ein patriotisches Zeichen setzen. Damals, ja, damals anno 1942, als Joe Louis in die Uniform schlüpfte und sich die Boxhandschuhe nur noch anzog, wenn er Schaukämpfe zu Ehren Amerikas bestritt, damals war auch die kriegerische Welt noch in Ordnung.

          Louis, wie seine Akte verrät, legte ein „unübliches Pflichtbewußtsein“ an den Tag, schreckte vor „häufiger Geringschätzung“ nicht zurück, wenn es um die „Gefährdung seiner lukrativen Boxkarriere“ ging, und war, alles in allem, ein „einzigartiger und spektakulärer Erfolg“. Er trat für Schaukämpfe in Europa und Nordafrika an, kümmerte sich um verletzte und sterbende Waffenbrüder und sammelt eine Viertelmillion Dollar für Army Relief, eine private Organisation, die Soldaten und ihre Hinterbliebenen unterstützt. Dafür bekam er den begehrten Legion-of- Merit-Orden, und wenn auch seine Fäuste den Kriegseinsatz nur „ramponiert“ überdauerten, so setzte er doch „seine gesamte Boxzukunft im Werte von Millionen“ immer „bereitwillig“ aufs Spiel.

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