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Filmkritik „The Untamed“ : Lust auf das radikal Nichtmenschliche

  • -Aktualisiert am

Wenn Blicke schießen könnten: Simone Bucio durchschaut alles. Bild: Forgotten Film

Sex mit Aliens ist kompliziert: Amat Escalantes Film „The Untamed“ verschlägt den Zuschauer in eine wilde Gegend, in der das Angstlustwissen Urständ feiert.

          3 Min.

          „Es ist kompliziert“ – mit dieser Formel aus den Beziehungsrubriken der digitalen Netzwerke kommt man heute meistens ganz gut durch, wenn man gerade nicht in den allereindeutigsten Verhältnissen lebt. Im Falle der jungen Mexikanerin Verónica aber ist „kompliziert“ nur ein Hilfsausdruck. Sie weiß ja nicht einmal, ob sie es mit einem Mann oder einer Frau zu tun hat, und diese Unklarheit hat weniger mit einem dritten Geschlecht oder den Nuancen des sexuellen Selbstverständnisses zu tun, sondern mit dem zweifelhaften anthropologischen Status von Verónicas Komplikation.

          Mit dem Titel von Amat Escalantes Film „La región salvaje“ könnte man sagen: Verónica hat eine Affäre in einer „wilden Gegend“, mit einem Wesen von ganz weit her. Sie treibt es mit einem Alien, von dem man zuerst einmal nicht viel mehr zu sehen bekommt als eine Wunde, die es hinterlassen hat. Verónica muss deswegen ins Krankenhaus. Dort trifft sie einen hübschen Pfleger namens Fabián. Ihm erzählt sie, sie wäre von einem Hund gebissen worden. Natürlich fragt er nach der Möglichkeit einer Infektion mit Tollwut. Verónica wehrt ab, Fabián aber besteht darauf: „Wir müssen den Hund suchen.“

          Morbides Spiel mit der Sexualität

          So kann man auch benennen, wovon „La región salvaje“ (der in Deutschland als „The Untamed“ ins Kino kommt) erzählt. Den Hund suchen, den Instinkt suchen, „das Primitive in allen“, „das Grundsätzliche“. Und das soll aus der Asteroidengegend kommen, die Escalanate zu Beginn zeigt, als eine vage Zone des Unbekannten, der unerschlossenen Dunkelheit? Das Universum selbst wird als Herkunftsort des Wesens genannt, mit dem es vier junge Menschen in „The Untamed“ zu tun bekommen. Verónica ist die erste, sie findet wie von selbst die Hütte in einer abgelegenen Gegend, in der ein Wissenschaftler und seine Frau das Geheimnis hüten, das Amat Escalantes Film umkreist.

          Über Fabián kommt Verónica zu Ale (Alejandra) und Ángel, die miteinander zwei Kinder haben, mit deren Eheleben es aber nicht zum Besten bestellt ist. Ale empfindet keine Lust, wenn Ángel morgens eher träge mit ihr schläft. Ángel wiederum kommt nur dann so richtig in Fahrt, wenn er mit Fabián zusammen ist. Fast könnte man meinen, dass seine Leidenschaft durch seine Homophobie noch gesteigert wird – ein Widerspruch, der auch von einer „wilden Gegend“ in seinem Inneren kündet. Fabián wird der Zweite sein, der es mit dem komplizierten Anderen zu tun bekommt, das Lust bereitet wie nichts sonst auf der Welt. Aber die Lust hat einen Preis. Von diesem Preis erzählt Amat Escalante in Form einer Schauergeschichte, die älteste Klischees über die Verheißungen und Gefahren der Sexualität aufnimmt, und mit ihnen ein morbides Spiel treibt. Weil im Kino die Begattung mit den Augen stattfindet, kommt schließlich sehr viel darauf an, ob das Alien irgendwann auch ins Bild kommt. Wie sich das genau verhält, kann man dahingestellt lassen für das Publikum, das sich für „The Untamed“ interessieren könnte (und dem man nebenbei vielleicht ein Wiedersehen mit einem amerikanischen Teenie-Klassiker aus den 1980er Jahren empfehlen könnte: „The Blob“).

          Sie wird gefährlich

          Wesentlicher ist der Weg, der in die wilde Gegend führt. Wesentlich sind auch die großartig spekulativen Bilder, mit denen Escalante das „Grundsätzliche“ umgibt – eine Landschaft, in der brackiges Wasser und ominös verzweigtes Wurzelwerk durchaus auch auf die Untiefen des visuellen Unbewussten verweisen, das hier aufgerufen wird. Kein neues Imaginäres der Entgrenzungen des Eros wird hier gesucht, sondern eher ein ältestes Angstlustwissen um die Wonnen der Passivität, für die ein Mensch mit seinen wenigen Gliedmaßen und Körperöffnungen gar nicht hinreichen würde. Da braucht es schon ein bisschen mehr, und wie viel mehr das konkret sein könnte, zeigt Escalante in einem besonders unvergesslichen Bild, nämlich in einer Tierorgie, in der zwar nicht der Wolf beim Schaf, aber sonst beinahe jedes erdenkliche Wesen bei Seinesgleichen liegt. Wenn ein ganzes Bestiarium sich in einem Lehmloch zum Rammeln verabredet, können die Menschen nicht zurückstehen, und irgendwann wird folgerichtig auch Ale grundsätzlich.

          Bei ihr hat die Sache aber andere Konsequenzen, denn sie hat zwei Kinder, und damit wird die ganze Sache endgültig mehr als nur kompliziert. Sie wird gefährlich. Escalante, der früher auch einmal als Regieassistent bei seinem ungleich berühmteren Kollegen Carlos Reygadas gearbeitet hat, deutet eine gesellschaftliche Ebene in „The Untamed“ durchaus an, vor allem in Gestalt der Eltern von Ángel, die so etwas wie ein „altes Regime“ in Mexiko vertreten, ein konservatives Bürgertum, aus dem vielleicht die Repression stammt, in die das Alien dann plumpst. Aber ist erster Linie ist „La región salvaje“ ein Schundfilm, den man sich umso genüsslicher zu Gemüte führen kann, als Escalante mit keiner Wimper in Richtung Ironie zuckt.

          Dass aus vielen kleinen Toden irgendwann ein allgemeiner großer werden muss, das ist nur noch als Zivilisationsmythos denkbar. Und ein solcher macht manchmal mehr Sinn, wenn er nichts verkompliziert. Am Ende ist in „The Untamed“ tatsächlich alles unheimlich einfach.

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