https://www.faz.net/-gqz-9ebjg

„Glücklich wie Lazzaro“ im Kino : Die Armen beißen nicht

  • -Aktualisiert am

So, mein Junge, jetzt gehen wir quer über die Straße, dann hast du gleich den Wandererführerschein: In Alice Rohrwachers Film lernen altmodische Menschen Überleben im Heute. Bild: Piffl Medien

Von der Rechtlosigkeit des armen Landlebens bis an den Rand der modernen Großstadt: Alice Rohrwachers Film „Glücklich wie Lazzaro“ zeigt, wie der Mensch dem Menschen ein gar nicht so böser Wolf ist.

          4 Min.

          Die Marchesa Alfonsina De Luna meint es gut mit ihren Leuten. „Willst du sie etwa zum Leiden verurteilen?“, fragt sie ihren Sohn, der wissen will, wie lange sie die Bauern auf ihrem Landgut noch in Unwissenheit halten will. Die Teilpächter leben nämlich wie in alten Zeiten, sie schuften für die Herrschaft, und am Ende rechnet ihnen der Buchhalter vor, dass sie nichts verdienen, sondern nur noch weitere Schulden angehäuft haben. Denn die paar Kapaune, die der Wolf geholt hat, werden selbstverständlich in Rechnung gestellt. So setzt sich mitten in Italien in einer Zeit gar nicht so lange vor der unseren ein Abhängigkeitssystem fort, das eigentlich längst historisch geworden sein sollte, ein später Rest des Feudalismus. Die Marchesa, Spitzname „Giftschlange“, sieht in dieser Konstellation vor allem Vorteile für alle, denn die Freiheit ist doch noch viel anstrengender als das Leben in einer hierarchischen Ordnung. Mit der Ordnung ist es allerdings nicht mehr weit her. Denn das Gut „Inviolata“ wurde seinerzeit durch eine Flut zwar aus der Zeit geworfen, auf ewig lassen sich aber auch in der Abgeschiedenheit der italienischen Provinz Lazio die modernen Verhältnisse nicht vermeiden.

          Wobei der Film „Glücklich wie Lazzaro“ von Alice Rohrwacher selbst ein wenig wie aus der Zeit gefallen wirkt. Denn die Geschichte von dem armen Teilpächtern beginnt in einer Ära, in der das Land sich einem Politiker anvertraute, der noch viel radikalere Vorstellungen von Unwissenheit hatte: Silvio Berlusconi stand für einen Fernseh-Feudalismus, bei ihm wussten die Italiener bestens über die Gegenwart Bescheid, wurden aber dazu angehalten, sie mit einer Game-Show oder einer Dauerwerbesendung zu verwechseln. Alice Rohrwacher weicht diesem Phänomen, mit dem sich ihre Kollegen von Nanni Moretti bis Paolo Sorrentino intensiv beschäftigt haben, bewusst aus und setzt mit „Glücklich wie Lazzaro“ viel grundsätzlicher an: Die Freiheit wird hier an ältesten Mythen der Menschheit und (auf eine vertrackte Weise) auch an klassischen politischen Theorien gemessen. Im Mittelpunkt steht ein junger Mann namens Lazzaro. Sein Glück ist der springende Punkt: „Lazzaro Felice“ ist der Originaltitel. „Der glückliche Lazzaro“. Er ist auf der sozialen Stufenleiter ganz unten, denn er wird selbst von den seinen ausgebeutet: Wenn die Tabakernte auf dem Höhepunkt ist, muss Lazzaro laufen wie ein Verrückter, ein Bündel hier, ein Bündel da, alles landet bei ihm.

          Sie unterbieten einander schonungslos

          Er muss alles wegarbeiten, und er tut das mit einem Gleichmut, mit einer Arglosigkeit, die ihn zum idealen Opfer macht. Sein Glück hat also tatsächlich etwas mit fehlendem Bewusstsein zu tun. Lazzaro erinnert an einen Heiligen, man könnte an franziskanische Ideale denken. Er läuft durch die Welt wie ein Opferlamm.

          Sein Name provoziert noch eine weitere Assoziation, die Alice Rohrwacher dann auch einlöst: Lazzaro ist der italienische Name von Lazarus, dem Jünger Jesu, der einige Zeit tot war und dann ins Leben zurückkehrte. Etwas Vergleichbares geschieht auch mit Lazzaro, nur ist der Zeitraum, der zwischen seinem „Tod“ und seiner „Auferstehung“ liegt, ungleich größer. Er ist dies allerdings nur vor dem Hintergrund einer kurzatmigen Gegenwart. Alice Rohrwacher denkt in viel größeren Zusammenhängen, wie sie schon mit ihrem Film „Land der Wunder“ klargemacht hat: Damals ging es zurück bis zu den Etruskern, allerdings nicht so, als könnte sie selbst mit den Mitteln des Kinos einfach in die gründende Vergangenheit des italienischen Gemeinwesens reisen. Sie lehnte sich vielmehr beim Fernsehen an, das selbst aus den fernsten Geschichtskonstruktionen noch einen unterhaltsamen Identitätsfake macht.

          In „Glücklich wie Lazzaro“ gibt es eine Gegenwartsszene, die sehr deutlich auf die aktuelle politische Lage unter dem dominanten Innenminister Salvini beziehbar ist, obwohl Alice Rohrwacher von dieser politischen Konstellation während der Herstellung des Films noch nichts wissen konnte: Lazzaro ist auf der Suche nach seinen Leuten und gerät dabei in eine Art Arbeitsauktion, bei der der ehemalige Verwalter des Gutes Inviolata heutige Menschen zum Ernteeinsatz einteilt. Es sind Gesichter aus allen Teilen der Welt, und sie unterbieten einander schonungslos, um an ein bisschen Taglöhnerei zu kommen.

          Vielleicht nichts anderes als ein Schreckgespenst

          Die „mezzadri“, die rechtlosen Pachtbauern des ersten Teils von „Glücklich wie Lazzaro“, finden sich im zweiten Teil am Rande einer Großstadt wieder, sie zählen nun zum neuen Lumpensubproletariat, halb Bettler, halb Kleinkriminelle. Sie zählen zu einem Milieu, das bei Fellini romantisiert wurde und auf das Pasolini viele Hoffnungen setzte: Ganz unten, bei den Außenseitern der Gesellschaft, unterhalb des Proletariats, auf das die orthodoxe Linke ihre Klassenhoffnung setzte, dort sollten sich Spuren eines nicht entfremdeten Lebens finden. Diesen theoretischen Anspruch löst Alice Rohrwacher nun pointiert ein. Lazzaro ist tatsächlich auch eine Antwort auf die Gesellschaftstheorien des italienischen politischen Kinos.

          Man könnte an Marco Bellocchios Klassiker „Die Faust in der Tasche“ („I pugni in tasca“, 1965) denken oder an Figuren, die Ninetto Davoli bei Pasolini gespielt hat. Lazzaro geht in seiner Arglosigkeit so weit, dass er sich mit dem Klassenfeind identifiziert. Er freundet sich mit Tancredi, dem Sohn der Marchesa, an, und er sucht diesen Tancredi viel später, um den Urzustand seines Glücks wiederherzustellen: eine Situation, in der ein adeliger Schnösel und ein ganz kleiner Mann wie Halbbrüder in den ganz großen Kampf gehen könnten. Diesen Kampf gegen den „großen Betrug“ deutet Alice Rohrwacher nur an, aber sie macht durchaus deutlich, dass er bis heute anhält und dass eine stur an den alten Zeiten festhaltende Marchesa dabei nicht das eigentliche Problem ist.

          Letztendlich läuft „Glücklich wie Lazzaro“ auf eine Neudeutung des berühmten politischen Bildes von Hobbes hinaus: Der Wolf, der die Menschen einander sind, ist vielleicht nichts anderes als ein Schreckgespenst, das eigentlich längst entzaubert sein könnte. Aber von Zeit zu Zeit heult dann eben doch wieder jemand mit den sprichwörtlichen Wölfen, und so bleibt der große Betrug von der unmöglichen Freiheit weiter wirkmächtig. Lazzaro geht schließlich mit einer Gummischleuder in einen Kampf, den er nicht gewinnen kann, weil er seinen Gegner gar nicht kennt. Er bleibt ein heiliger Narr, und Alice Rohrwacher lässt offen, ob es für die Freiheit im heutigen Italien noch einen anderen Ort geben kann als den einer negativen Utopie.

          Weitere Themen

          Aus der Kirche austreten?

          Hanks Welt : Aus der Kirche austreten?

          In seiner Enzyklika „Fratelli tutti“ übt Papst Franziskus scharfe Kritik an der Marktwirtschaft. Die Corona-Pandemie habe bewiesen, dass die „magische Theorie“ des Markt-Kapitalismus gescheitert sei. Doch das Argument ist krumm.

          Topmeldungen

          Hamstereinkäufe : Was, wenn die Nachfrage weiter steigt?

          Im Frühjahr bunkerten die Deutschen vor allem eins: Toilettenpapier. Nun nehmen mit steigenden Infektionszahlen und Beschränkungen auch die Hamsterkäufe wieder zu. Was das für uns bedeutet.
          Einheitsfreude auch in Coronazeiten: Ein schwarz-rot-goldenes Herz am 3. Oktober in Potsdam

          Allensbach-Umfrage : Die Ostdeutschen sind selbstbewusster

          Die deutsche Einheit macht langsam Fortschritte. Die gegenseitigen Vorurteile zwischen Ost- und Westdeutschen sind weniger groß, als es in der öffentlichen Debatte oft scheint. Überraschend ist das Selbstvertrauen in den neuen Ländern.
          Neu entdeckt: Ein Paar länglicher Speicheldrüsen umschließt die Verbindung zum Mittelohr.

          Niederländische Forscher : Neues Organ im Rachen entdeckt

          Mediziner eines Krebsforschungsinstituts in Amsterdam sind auf ein neues Organ im Rachen gestoßen. Es besteht aus zwei paarig angeordneten Speicheldrüsen, die noch niemand vorher beschrieben hatte.

          Fernsehduell : Wie kann sich Biden gegen Trump behaupten?

          In der Nacht soll die letzte Fernsehdebatte im amerikanischen Präsidentenwahlkampf stattfinden. Voriges Mal konnte Joe Biden kaum ausreden. Rhetorikprofessor Olaf Kramer erklärt, wie der Demokrat diesmal Donald Trump Paroli bieten kann.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.