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„Glücklich wie Lazzaro“ im Kino : Die Armen beißen nicht

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So, mein Junge, jetzt gehen wir quer über die Straße, dann hast du gleich den Wandererführerschein: In Alice Rohrwachers Film lernen altmodische Menschen Überleben im Heute. Bild: Piffl Medien

Von der Rechtlosigkeit des armen Landlebens bis an den Rand der modernen Großstadt: Alice Rohrwachers Film „Glücklich wie Lazzaro“ zeigt, wie der Mensch dem Menschen ein gar nicht so böser Wolf ist.

          Die Marchesa Alfonsina De Luna meint es gut mit ihren Leuten. „Willst du sie etwa zum Leiden verurteilen?“, fragt sie ihren Sohn, der wissen will, wie lange sie die Bauern auf ihrem Landgut noch in Unwissenheit halten will. Die Teilpächter leben nämlich wie in alten Zeiten, sie schuften für die Herrschaft, und am Ende rechnet ihnen der Buchhalter vor, dass sie nichts verdienen, sondern nur noch weitere Schulden angehäuft haben. Denn die paar Kapaune, die der Wolf geholt hat, werden selbstverständlich in Rechnung gestellt. So setzt sich mitten in Italien in einer Zeit gar nicht so lange vor der unseren ein Abhängigkeitssystem fort, das eigentlich längst historisch geworden sein sollte, ein später Rest des Feudalismus. Die Marchesa, Spitzname „Giftschlange“, sieht in dieser Konstellation vor allem Vorteile für alle, denn die Freiheit ist doch noch viel anstrengender als das Leben in einer hierarchischen Ordnung. Mit der Ordnung ist es allerdings nicht mehr weit her. Denn das Gut „Inviolata“ wurde seinerzeit durch eine Flut zwar aus der Zeit geworfen, auf ewig lassen sich aber auch in der Abgeschiedenheit der italienischen Provinz Lazio die modernen Verhältnisse nicht vermeiden.

          Wobei der Film „Glücklich wie Lazzaro“ von Alice Rohrwacher selbst ein wenig wie aus der Zeit gefallen wirkt. Denn die Geschichte von dem armen Teilpächtern beginnt in einer Ära, in der das Land sich einem Politiker anvertraute, der noch viel radikalere Vorstellungen von Unwissenheit hatte: Silvio Berlusconi stand für einen Fernseh-Feudalismus, bei ihm wussten die Italiener bestens über die Gegenwart Bescheid, wurden aber dazu angehalten, sie mit einer Game-Show oder einer Dauerwerbesendung zu verwechseln. Alice Rohrwacher weicht diesem Phänomen, mit dem sich ihre Kollegen von Nanni Moretti bis Paolo Sorrentino intensiv beschäftigt haben, bewusst aus und setzt mit „Glücklich wie Lazzaro“ viel grundsätzlicher an: Die Freiheit wird hier an ältesten Mythen der Menschheit und (auf eine vertrackte Weise) auch an klassischen politischen Theorien gemessen. Im Mittelpunkt steht ein junger Mann namens Lazzaro. Sein Glück ist der springende Punkt: „Lazzaro Felice“ ist der Originaltitel. „Der glückliche Lazzaro“. Er ist auf der sozialen Stufenleiter ganz unten, denn er wird selbst von den seinen ausgebeutet: Wenn die Tabakernte auf dem Höhepunkt ist, muss Lazzaro laufen wie ein Verrückter, ein Bündel hier, ein Bündel da, alles landet bei ihm.

          Sie unterbieten einander schonungslos

          Er muss alles wegarbeiten, und er tut das mit einem Gleichmut, mit einer Arglosigkeit, die ihn zum idealen Opfer macht. Sein Glück hat also tatsächlich etwas mit fehlendem Bewusstsein zu tun. Lazzaro erinnert an einen Heiligen, man könnte an franziskanische Ideale denken. Er läuft durch die Welt wie ein Opferlamm.

          Sein Name provoziert noch eine weitere Assoziation, die Alice Rohrwacher dann auch einlöst: Lazzaro ist der italienische Name von Lazarus, dem Jünger Jesu, der einige Zeit tot war und dann ins Leben zurückkehrte. Etwas Vergleichbares geschieht auch mit Lazzaro, nur ist der Zeitraum, der zwischen seinem „Tod“ und seiner „Auferstehung“ liegt, ungleich größer. Er ist dies allerdings nur vor dem Hintergrund einer kurzatmigen Gegenwart. Alice Rohrwacher denkt in viel größeren Zusammenhängen, wie sie schon mit ihrem Film „Land der Wunder“ klargemacht hat: Damals ging es zurück bis zu den Etruskern, allerdings nicht so, als könnte sie selbst mit den Mitteln des Kinos einfach in die gründende Vergangenheit des italienischen Gemeinwesens reisen. Sie lehnte sich vielmehr beim Fernsehen an, das selbst aus den fernsten Geschichtskonstruktionen noch einen unterhaltsamen Identitätsfake macht.

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