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Filmemacher Alexander Sokurov : Sowjetische Elegien

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Ethos der Marginalität in Alexander Sokurovs „The Degraded“ Bild: Bereg Studio

Alexander Sokurow tritt Putin wie einem Zaren gegenüber. Gleichzeitig ist er einer der interessantesten Filmemacher seiner Generation: Eine Werkschau bei den Kurzfilmtagen Oberhausen.

          Am frühen Nachmittag des 21. Mai 1990 spielte Vitautas Landsbergis in Vilnius einige Stücke von Mikalojus Konstantinas Ciurlionis. Das klingt auf den ersten Blick nicht nach einem weltgeschichtlichen Vorgang, und doch muss man ihn genau so verstehen: Der russische Filmemacher Alexander Sokurov war damals mit der Kamera dabei, er gestaltete mit dem Material einen kleinen Film namens „Prostaya elegiya“, mit dem er die historischen Umbrüche der Jahre 1989 bis 1991 in der ehemaligen Sowjetunion von einem Fragment her betrachtet. Landsbergis war selbst Musiker, in erster Linie aber war er an diesem Tag im Mai das Staatsoberhaupt des damals erst wenige Wochen (wieder) unabhängigen Litauen. Er spielte Ciurlionis, also den Nationalkomponisten, auf einem Piano der Firma Petrof aus der Tschechoslowakei. Während Landsbergis sich seiner musikalischen Meditation hingibt, durchmisst die Kamera einmal den Raum: ein Schreibtisch voll mit Papieren, eine Vielzahl von Telefonen, einige Sitzmöbel. Hier ist alles bereitet für politische Betriebsamkeit, aber Landsbergis spielt Nocturnen.

          Sokurov zeigt mit dieser Szene verschiedene Aspekte von Geschichtlichkeit: die Ohnmacht des Individuums angesichts der politische Herausforderungen schlägt um in eine Mystik der Macht durch Verzicht auf deren Gesten. Litauen stand damals unter dem Druck einer Wirtschaftsblockade durch die Sowjetunion unter Gorbatschow. Landsbergis hatte dieser Maßnahme wenig entgegenzusetzen, außer das Stärkste: er war, mit seinem Land, im Recht. Interessanterweise weist Sokurov ihn im Abspann seines zwanzigminütigen Films als „Vorsitzenden des Obersten Sowjets“ in Litauen aus, womit die Konfrontation, von der implizit die Rede ist, ihren Ort in der KPdSU hätte. Dem war aber nicht mehr so. Die Sowjetunion bestand noch, Landsbergis spielte ihr aber schon die Grabmelodie.

          Die Apathie Jelzins ist nur vorübergehend

          Bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen, die am Montagabend zu Ende gingen, war dem frühen Filmen von Alexander Sokurov dieses Jahr ein Schwerpunkt gewidmet. Man kann die Schau als einen denkwürdigen Auftakt zu dem Gedenken sehen, mit dem man bald mit dem Abstand einer Generation auf die epochalen Ereignisse der Jahre 1989 und folgende zurückblicken kann. Sokurov ist in den dreißig Jahren seither zu einem der führenden europäischen Kunstfilmemacher geworden (mit seiner „Trilogie der Macht“ über Lenin, Hitler und den Tenno und später mit seinem „Faust“).

          Alexander Sokurov beim European Film Festival in Lecce im April

          Seine Anfänge waren bisher nur in Teilen bekannt. Für Oberhausen wurden nun zehn seiner Werke, die seit den frühen achtziger bis Mitte der neunziger Jahre entstanden, digitalisiert und restauriert. Insgesamt waren in sechs Programmen fast zwanzig Titel zu sehen, im Mittelpunkt standen dabei seine „Elegien“.

          Denn die „Einfache Elegie“ gehört in einen größeren Zusammenhang, der erst die Szene aus Vilnius so richtig bedeutsam macht. Der an unmittelbarsten angrenzende Film ist die ein Jahr zuvor entstandene „Sovjetsakya elegiya“, in der Boris Jelzin in einer vergleichbaren Situation zu sehen ist. Im Januar 1989 war der vormalige Vorsitzende der Moskauer KP politisch am Ende. Sokurov zeigt ihn in einer grandiosen Szene als Privatmann, der in einem dicken Mantel und in Traininghose daheim auf einer Sofalehne sitzt und auf ein Fernsehgerät starrt, in dem (ohne Ton) Gorbatschow zu sehen ist. Diese „Sowjetische Elegie“ enthält eine historische Spekulation, von der allerdings nichts zu sehen ist: Die Apathie Jelzins ist nur vorübergehend, er kam ja zurück, und man kann mit einigem Recht sagen, dass mit seinem Comeback das heutige politische System Russlands begann, Gestalt anzunehmen.

          Sokurov ist Teil dieses Systems, er tritt Putin wie einem Zaren gegenüber, auch dann, wenn er sich in einem mutigen Moment öffentlich für den ukrainischen Kollegen Oleg Sentsov einsetzt, der in Russland als „Terrorist“ zu einer langen Haft verurteilt wurde. Die Parteinahme für Jelzin und gegen Gorbatschow in den Jahren der Perestrojka hatte zweifellos auch mit der Kulturpolitik in der Sowjetunion zu tun. Sokurov hatte nach 1980, als er nach Sankt Petersburg ging und als Filmemacher zu arbeiten begann, mehrfach Probleme mit der Zensur. Eine der herausragenden Entdeckungen in Oberhausen war „Razhalovanny“ (Der Degradierte) aus dem Jahr 1980, ein Film, den Sokurov letztlich zweimal abschließen musste – die Version, die nun vorliegt, reflektiert schon seine Jahre in der Sowjetunion. Der Taxifahrer, den das System nach ganz unten verstoßen hat, wird zu einer Stellvertreterfigur für den Filmemacher, der 1987 mit „Die einsame Stimme des Menschen“ seinen ersten Spielfilm fertigstellte. Der „Degradierte“ trifft in einem Kino auf dieses Kunstwerk, mit dem Sokurov eine nicht zuletzt christlich inspirierte Machtprobe unternahm – er wollte dem Regime durch ein Ethos der Marginalität beikommen.

          Seine Erniedrigten und Beleidigten, seine Murmler und Stammler sind Figuren, die ein Regime so zerspringen lassen können, wie Vitautas Landsbergis das mit Akkorden auf dem Piano versucht. Sokurov war aber immer auch Realpolitiker, und sein Bündnis mit Jelzin (über das es noch einen zweiten Film gibt: „Primer intonatsii“, 1991) erwies sich als strategisch klug. Es beruhte aber eben nicht nur auf Kalkül. In der „Sowjetischen Elegie“ gibt es eine lange Sequenz, in der Sokurov alle Mitglieder der Kommunistischen Elite seit 1917 – man kann es kaum anders sagen: herunterbetet. Mehr als hundert Porträtbilder, zu denen der Filmemacher aus dem Off andächtig die Namen nennt: Lenin, Schdanow, Furzewa (eine von nur zwei Frauen), Suslow und irgendwann dann eben auch die beiden Antagonisten Gorbatschow und Jelzin. Es ist eine Litanei, die Legitimität suggeriert, allerdings vielleicht nur für einen, nämlich den letzten.

          Sokurovs wehmütiger Blick auf die russischen Geschichte weitete sich 1993 noch einmal: Die „Russische Elegie“ (Elegiya iz Rossii) geht zurück in die letzten Jahre des Zarenreichs und findet in den ersten Jahren des neuen Russlands nach 1990 vor allem Agonien. Geschichte wird hier vom Totenbett einfacher Menschen aus gesehen, die sich nicht anders zu helfen wissen, als mystische Vorstellungen auf ihre Not zu beziehen. Gottes Handeln rechnet in Zeiträumen von mehreren Generationen. Menschen müssen also immer wieder durchleiden, was seine Ursache vor fünfzig, siebzig Jahren hatte. Für Sokurov findet sich der Schlüssel zur russischen Conditio letztlich in einer konstitutiven Ohnmacht, aus der nur natürliche Prozesse herausführen. Oder die Mystik der Kunst, wie damals in einem Amtszimmer in Vilnius.

          Wenige Jahre nach „Russische Elegie“ wurde Sokurov von Catherine David für die documentaX kooptiert, und damit nahm eine zweite Karriere Gestalt an, die in diesen Tagen eine Pointe bekommt: Aus Oberhausen reiste Alexander Sokurov direkt nach Venedig, wo er dieses Jahr auf der Kunst-Biennale den russischen Pavillon bespielt. Man darf gespannt sein, wie er sich dort als elegischer Staatskünster präsentieren wird.

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