https://www.faz.net/-gqz-pn7c

Albert Speer : Ein Stolz, der Welten vernichtete

  • -Aktualisiert am

Hitlers Architekt und Aufrüster: Albert Speer (l.) Bild: AP

Dem unwissentlich Geliebten Hitler legte er die Organisation eines Weltkriegs und Millionen Tote zu Füßen: Ein Porträt des Aufrüsters Albert Speer eröffnet die Dokumentationsreihe „Hitlers Manager“ im ZDF.

          4 Min.

          Viel mehr Männer, als es die Konvention wahrhaben will und die Statistiken über offene und latente Homosexualität belegen, lieben einander. Da das Gros dieser Liebenden den allgemeinen Verhaltenskodex als ehernes Gesetz in sich trägt, tauchen diese Lieben nirgendwo auf, sind zum Scheitern verdammt, werden strikt geleugnet, führen im Extremfall zu gegenseitiger Vernichtung und im Normalfall nie zur Erfüllung. Als Ersatz schaffen die unbewußt Liebenden gemeinsame Werke oder Werke, die einer dem anderen schenkt.

          Die Liebesgaben, die der Architekt Albert Speer dem unwissentlich Geliebten Hitler zu Füßen legte, waren die Organisation eines Weltkriegs und Millionen Tote; Hitlers Gegengabe war der Aufstieg seines Favoriten zunächst zum Leibarchitekten, dann Generalbevollmächtigten für den Umbau Berlins zur „Welthauptstadt Germania“, dann den Wiederaufbau Deutschlands - und der Rang eines fast allmächtigen Rüstungsministers. So lautet der Leitfaden des Dokumentarfilms von Stefan Brauburger, der unter dem Titel „Albert Speer - Der Aufrüster“ heute abend die fünfteilige Dokumentarreihe „Hitlers Manager“ eröffnet.

          Hitler wollte sein wie er

          „Es war eine Art Liebe. Sie war nie erotisch, nie homosexuell“, so erklärt eingangs die Speer-Biographin Gitta Sereny. Über Hitlers Beweggründe sagt sie, Speer sei „der Charakter gewesen, der er selbst gern hätte sein wollen“. Dem hält Marcel Reich-Ranicki, der Speer nach der Entlassung aus dem Gefängnis 1966 kennenlernte, entgegen, daß ihn an dem offiziell Geläuterten eine zur zweiten Natur gewordene Fassade großbürgerlicher Kultiviertheit und Höflichkeit befremdet habe, die es erschwerte, an Speers Grausamkeit zu denken, „seinen Anteil an den schrecklichsten Verbrechen“.

          Die Verbrechen fächert der Film auf, beginnend mit dem Karrieresprung zum Architekten des „Führers“ und der Partei, denen der Dreißigjährige für die erste Massenkundgebung auf dem Tempelhofer Feld in Berlin eine grandiose Kulisse schuf. Der durchschnittlich Begabte wuchs schon damit über sich selbst hinaus, wurde zum Inszenator, der mit blutroten, zu schimmernden Wänden arrangierten Hakenkreuzfahnen und nächtlichen, auf „den Führer“ konzentrierten Lichteffekten eine massenwirksame Magie entfaltete, wie sie zuvor nur das Theater des genialen Max Reinhardt und die expressionistischen Filme Fritz Langs geboten hatten. (Speers Lehrer, Heinrich Tessenow, antwortete auf dessen Frage nach den neuen Arbeiten mit einem aufschlußreichen „Es macht Eindruck, das ist alles“.) Wie Pygmalion seiner Galathea oder Josef von Sternberg der Marlene Dietrich, so wurde Speer für Hitler Schöpfer und Höriger zugleich. „Seine Ausstrahlung ließ mich seitdem nicht mehr frei“, schrieb er in seinen Erinnerungen. Daß er selbst diese Ausstrahlung erzeugte, blieb dem jungen Speer verborgen.

          Ein KZ für die „Neue Reichskanzlei“

          Der Diktator 1940 in Paris mit seinen Lieblingskünstlern: Speer (l.) und Bildhauer Arno Breker
          Der Diktator 1940 in Paris mit seinen Lieblingskünstlern: Speer (l.) und Bildhauer Arno Breker : Bild: AP

          Bewußt verborgen, so deckt der Film auf, hat der Aufrüster zeitlebens sein Wissen um die Verbrechen, die er für den Diktator beging: Wegen Massen von rotem Granit, die Speer für die „Neue Reichskanzlei“, die er in Rekordzeit errichtete, sowie für das „Deutsche Stadion“ auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände anforderte, ließ Himmler mit Wissen des Architekten das Konzentrationslager Natzweiler bauen. Zwanzigtausend Menschen starben dort. „Ein Lump“, bemerkt spontan ein überlebender holländischer KZ-Häftling bei der Mitteilung, daß Speer für seine Qualen mitverantwortlich war.

          „Er war ein Rohdiamant, den Hitler schleifen konnte, eine Rose, die gepflückt werden wollte“, so deutet der greise englische Speer-Biograph Henry T. King Hitlers Sicht auf den Günstling, dem er alles abverlangen konnte. Doch es waren nicht nur abverlangte Verbrechen, die dieser beging: Speer effektivierte mit Geld und Bauten die Vernichtungsmaschinerie von Auschwitz; er ersann die perfekte Umorganisation der Rüstungsindustrie, die er als neuer Rüstungsminister im April 1942 nur auf einen Blitzkrieg eingerichtet vorfand und für einen langfristigen umstrukturierte.

          Weitere Themen

          Vernetzte Welt am Vesuv

          Pompeji-Ausstellung in Vaduz : Vernetzte Welt am Vesuv

          Pompeji war eine Stadt des Luxus. Beim Untergang half ihr das nichts, der Archäologie aber viel für das Verständnis der Antike, wie eine Ausstellung im Landesmuseum Liechtenstein aufzeigt.

          Kolonialismus und Erinnerungskultur Video-Seite öffnen

          Marilyn Douala Bell im Porträt : Kolonialismus und Erinnerungskultur

          Kulturbotschafterin, Kämpferin für kritische Erinnerungskultur und jetzt auch Trägerin der Goethe-Medaille: Prinzessin Marilyn Douala Manga Bell – Urenkelin von Rudolf Duala Manga Bell, König des Duala-Volkes und berühmter Widerstandskämpfer Kameruns.

          Topmeldungen

          Die SPD-Führung am Sonnabend in Berlin

          SPD für Koalitonsvertrag : Diese Koalition wird kein Selbstläufer

          Der baldige Kanzler Scholz hat die Rückendeckung seiner Partei. Aber es lauern Gefahren: Die SPD stellt die Regierungsjahre mit der Union als Zeit der sozialen Kälte dar. Und die erfolgreiche Geschlossenheit könnte rissig werden.
          Zu allem bereit: Israelische Artillerie feuert im August in Richtung Libanon.

          Israel und Iran : Ausweitung der Dilemmazone

          Israel will eine Atommacht Iran verhindern und das Land regional eindämmen. Beides erhöht das Risiko einer umfassenden bewaffneten Konfrontation.

          Kommunikationskrise in München : Wie Nagelsmann die Bayern steuert

          Corona, Impfen, Qatar: Cheftrainer Julian Nagelsmann ist in München auch Außenminister und Feuerwehrmann. Das wirft vor dem Topspiel in Dortmund die Frage auf: Was machen eigentlich seine Vorgesetzten?