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Alastair Fothergills „Unsere Erde“ : Der kurze Film zum langen Abschied

Bilder aus einer Welt, die vor unseren Augen verschwindet: Alastair Fothergills „Unsere Erde“ ist die größte und prächtigste Naturdokumentation, die es bisher gegeben hat, ein 40 Millionen Euro teurer, in fünfjähriger Drehzeit entstandener Bilderbogen aus dem Leben des Planeten.

          Jedes Tier ist ein Individuum. Es wird geboren, wächst auf und stirbt, es wiederholt sich nicht. Dennoch können wir selbst die größeren Tiere nicht auseinanderhalten. Alle Elefanten, Eisbären, Wale, Tiger sehen für uns gleich aus. Aber wir müssen nur einem von ihnen lange genug zuschauen, um in ihm wieder das Einzelwesen zu erkennen, um ihm einen Namen, eine eigene Geschichte geben zu wollen - auch wenn wir es von seinesgleichen noch immer nicht unterscheiden können.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Auf dieser Schwäche unserer Wahrnehmung bauen alle populären Tierfilme auf. Der Titel-Collie der legendären Fernsehserie „Lassie“ wurde von einem Dutzend Hunden gespielt, für uns aber blieb er immer derselbe. Auch der Delphin in „Flipper“ hatte fünf verschiedene Darsteller, ohne dass dies jemandem aufgefallen wäre. Keiko, der Orca-Wal, der sowohl in „Free Willy“ als auch in den beiden Nachfolgefilmen vor der Kamera schwamm und 2003 im gesegneten Alter von siebenundzwanzig Jahren starb, stellt die große Ausnahme dar.

          Ein Kunstgriff, der diesen Film einzigartig macht

          Der Film „Unsere Erde“ ist kein Tierfilm im populären Sinn. Er ist eine Naturdokumentation, die größte und prächtigste, die es bisher gegeben hat, ein 40 Millionen Euro teurer, in fünfjähriger Drehzeit entstandener Bilderbogen aus dem Leben des Planeten. Aber da, wo dieser Film mit seiner Naturschönheit Ernst macht, greift er auf ein Muster der Tierserien zurück. Er zeigt uns eine Eisbärin mit ihren Jungen, eine Elefantenherde in der Steppe und eine Buckelwalkuh mit ihrem Kalb und stellt die Frage aller Fragen: Werden diese Tiere überleben? Werden sie genügend Beute im Eismeer, Wasser in der Trockenzeit, Krill in der Antarktis finden? Er lädt uns ein, mit diesen Tieren zu fühlen, zu leiden, zu bangen. Aber anders als „Free Willy“ und Konsorten verzichtet er darauf, ihnen Namen zu geben. Das ist seine folgenreichste Entscheidung, der Kunstgriff, der diesen Film einzigartig macht. Denn so bindet er unser Mitleid nicht an das einzelne Tier. Er bindet es an die ganze Art.

          Alastair Fothergill, der Produzent und Regisseur von „Unsere Erde“, gibt in Interviews kund (siehe auch: Ist die Welt ohne Menschen schöner, Alastair Fothergill?), der eigentliche Hauptdarsteller seines Films sei die Sonne - weil sie mit ihrem Licht und ihrer Wärme das Leben in den Klimazonen der Erde erst möglich mache. Als formale Idee klingt das überzeugend. Aber im Kino glauben wir bekanntlich nur, was wir sehen. Am Anfang des Films sehen wir eine Eisbärin, die mit ihren beiden Jungen aus der Schneehöhle herauskriecht, in der sie den Winter verbracht und ihren Nachwuchs geboren hat - und dazu erklärt die Stimme Ulrich Tukurs aus dem Off, diese Bärin sei völlig ausgehungert, ihr blieben nur wenige Wochen, bis das Packeis breche und die Robbenjagd aufhöre. Es ist wie im Hollywoodfilm, wenn man erfährt, dass unter dem Hochhaus eine Bombe liegt, die in ein paar Stunden hochgeht: Die Zeit verdichtet sich, das Warten wird zur Erwartung.

          Perfekter und illusionistischer als alle Naturdokumentationen zuvor

          Aber unvermittelt, aus heiterem Himmel, wendet der Film sich einem anderen Schauplatz zu. Denn „Unsere Erde“ will das große Ganze abbilden, die ganze Fauna des Planeten, nicht nur ihren nördlichsten Teil. Deshalb sehen wir jetzt die Küken der Baikalente aus ihren Nestern springen und die Karibus über die Ebenen Alaskas ziehen, den Blauparadiesvogel im Urwald von Neuguinea seinen Balztanz beginnen und die Schraubenziege auf den Steilhängen Nordpakistans herumklettern, unaufhörlich umweht, umschluchzt, umschmockt von der Orchestermusik George Fentons und der Berliner Philharmoniker, die wie ein akustisches Narkotikum wirkt.

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