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„Al Dschazira“ : Résistance

Erfolgreich nicht nur in Arabien: Al Dschazira Bild: AP

Der größte arabische Nachrichtensender "Al Dschazira" wächst weiter. Bislang wird er zu 90 Prozent von der Regierung Qatars finanziert, doch im nächsten Jahr will der Sender an die Börse.

          Für Ahmad el Sheikh ist beides Terror - das, was unter Saddam Hussein im Gefängnis von Abu Ghraib geschah wie danach unter den Amerikanern. "Es ist Zeit, daß die Welt merkt, daß es unterschiedliche Sichtweisen gibt", sagt der Nachrichtenchef von "Al Dschazira". Doch davon sind nach seiner Ansicht vor allem die Amerikaner weit entfernt. "Wenn wir nicht ihrer Meinung sind, halten sie uns Lüge vor", wirft er amerikanischen Politikern und Militärs vor.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die Mitarbeiter des größten arabischen Nachrichtensenders lassen sich davon aber nicht beeindrucken und halten an ihrer eigenen Perspektive fest: Für sie sind diejenigen Iraker, die ausländische Truppen angreifen, "Widerstandskämpfer" und keine Terroristen. "Wo ist der Unterschied zu den Franzosen, die im Zweiten Weltkrieg gegen die deutschen Besatzer kämpften und die man bis heute Résistance nennt?" fragt el Sheikh.

          Anders handhabt es "Al Dschazira", wenn irakische Polizisten ums Leben kommen oder die Gewalt auf Militante um den Al Qaida nahestehenden Jordanier Abu Mussab al Zarqawi zurückgeht. Dann ist von "bewaffneten Gruppen" oder bei den Zarqawi-Anhängern auch von "Terroristen" die Rede. Ihnen gegenüber hat sich "Al Dschazira" aber Zurückhaltung auferlegt. Dem Sender werden immer wieder Aufnahmen zugespielt, welche die Ermordung von Geiseln zeigen. Diese Szenen strahlt "Al Dschazira" nach eigenem Bekunden jedoch nicht - mehr - aus.

          Kein Interviewpartner: Scharon

          Dennoch hat der arabische Sender in Europa und Amerika bei vielen den Ruf, vor allem die mediale Plattform für Usama Bin Ladin und andere Al-Qaida-Führer zu sein. Tatsächlich hat er die meisten ihrer Video- und Tonbandbotschaften gesendet - und wird das weiter tun. "Wir werden unseren Zuschauern nicht ihr Grundrecht auf Information nehmen", sagt el Sheikh, der vor vier Jahren selbst Usama Bin Ladin interviewte. Völlig verkehrt könne das auch nicht sein. Schließlich übernähmen auch westliche Sender danach die Bilder. Amerikanische Politiker und Militärs kommen aber noch ausführlicher zu Wort: Für Reden des Präsidenten George Bush und Pressekonferenzen der amerikanischen Streitkräfte im Irak unterbricht der Sender sein laufendes Programm und überträgt sie live und oft in voller Länge.

          Es gibt nur einen Politiker, den "Al Dschazira" nicht interviewt: den israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon. Einem Mann, der in Belgien als Kriegsverbrecher angeklagt worden sei, werde der Sender kein Forum bieten, sagt el Sheikh. Alle anderen Regierungschefs, auch Benjamin Netanjahu von der Likud-Partei, hätten dagegen ihre Auftritte gehabt. Berichterstattung aus Israel sei für den Sender selbstverständlich. Der Bürochef in Jerusalem und ein weiterer Mitarbeiter des Senders, der von Haifa aus berichtet, hätten die israelische Staatsangehörigkeit.

          Finanziert von der Regierung Qatars

          Für den gebürtigen Palästinenser el Sheikh gelten bei "Al Dschazira" dieselben journalistischen Prinzipien wie bei CNN und BBC World, für deren arabisches Programm er gearbeitet hat. Nicht die neuen arabischsprachigen Satellitenkanäle wie "Al Arabija" beunruhigen ihn, sondern Pläne der BBC, ein arabischsprachiges Satellitenprogramm aufzubauen. Nächstes Jahr wird "Al Dschazira" auch auf Englisch senden; ein Internetangebot in englischer Sprache gibt es schon. Und der Sender wird weiter wachsen: ein Sportkanal wurde bereits eingerichtet, es sollen weitere für Kinder und Dokumentationen dazukommen.

          Ziel ist es nach den Worten des Nachrichtenchefs, den Sender so umzugestalten, daß er in zwei bis drei Jahren an die qatarische Börse gehen kann. Derzeit kommt die Regierung des Golfemirats für rund neunzig Prozent der Kosten auf - ohne Einfluß zu nehmen, wie el Sheikh hervorhebt; bei der BBC sei das nicht viel anders, fügt er hinzu. Heftig kritisierten Al-Dschazira-Journalisten das Herrscherhaus in Qatar, das es etwa erlaubt habe, daß die ersten amerikanischen Militärflugzeuge von dort aus zum Angriff auf den Irak aufgestiegen seien. El Sheikh hält es für eine Aufgabe seines Senders, einen Beitrag zu Reformen in arabischen Ländern zu leisten.

          Talkshow „Nur für Frauen“

          Auch bei Themen, die mit dem Islam zu tun haben, kenne man keine Tabus: Die Talkshow "Nur für Frauen" habe sich schon mit Fremdgehen in der Ehe befaßt und mit islamischen Stellungen für den Geschlechtsverkehr. Muslimische Geistliche kritisieren den Sender wegen solcher Programme. Offene Feindschaft schlägt "Al Dschazira" vor allem aus dem wahhabitischen Königreich Saudi-Arabien entgegen und kommt den Sender teuer zu stehen. "Sie hassen uns", sagt el Sheikh über das saudische Herrscherhaus. Deshalb verbiete es saudischen Firmen, bei "Al Dschazira" Werbung zu buchen. Das ist hart für den Sender, Saudi-Arabien verfügt über den größten Werbemarkt der arabischsprachigen Welt.

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