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Kino : Zwei Wochen, lebenslänglich: Aelrun Goettes Dokumentarfilm „Die Kinder sind tot“

Im Juni 1999 ließ die 23 Jahre alte Daniela Jesse ihre zwei- und dreijährigen Söhne Kevin und Tobias in einer Plattenbauwohnung in Frankfurt/Oder verdursten. Der Schriftsteller Michal Kumpfmüller hat aus der Tragödie einen Roman gemacht, Aelrun Goette einen Film. Bei ihm wird die Geschichte zum Exempel der Unmenschlichkeit, bei ihr zum Menetekel deutscher Wirklichkeit.

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          Das eine Kind, erzählt der Polizeibeamte, sei mit nacktem Unterleib unter einem Haufen schmutziger Kleidung gelegen. Das andere habe man unter einem Heizkörper an der Wand gefunden; hier, auf dem Foto, könne man die Lage der Leiche nachvollziehen. Und ein Pathologe ergänzt, die Kinder seien buchstäblich ausgetrocknet gewesen: "Keine Zelle in ihrem Körper" habe noch Wasser enthalten. Auf einem anderen Foto sieht man, was auf dem Couchtisch vom Todeskampf der Kinder übrigblieb: aufgerissene, angenagte Plastikverpackungen, zerfetztes Papier, eingetrockneter Kot.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Phantasie sträubt sich dagegen, sich auszumalen, was in diesen Räumen geschah, und muß es doch tun. Im Juni 1999 ließ die dreiundzwanzigjährige Daniela Jesse ihre zwei- und dreijährigen Söhne Kevin und Tobias in einer Plattenbauwohnung in Frankfurt/Oder verdursten. Sie hatte die Kinder ohne Lebensmittelvorrat in der Wohnung eingeschlossen, war zu ihrem Geliebten gegangen und erst nach vierzehn Tagen zurückgekehrt. Nachbarn hörten die Kinder schreien und ans Fenster klopfen, unternahmen aber nichts. Das Jugendamt, das die Wohnung einige Monate zuvor inspiziert hatte, als Daniela Jesse ihr jüngstes und insgesamt viertes Kind zur Adoption freigab, schöpfte keinen Verdacht. Jesses Mutter, bei der Danielas ältestes Kind, ein Mädchen, aufwächst, hatte sich mit ihrer Tochter verkracht und kümmerte sich nicht um sie. Im Prozeß gegen Daniela Jesse war sie die Hauptzeugin der Anklage.

          Der Schriftsteller Michael Kumpfmüller hat aus dieser Tragödie einen Roman gemacht, der viele Einzelheiten des Geschehens übernimmt, den Ort und die Namen der Beteiligten aber verschweigt oder verändert (F.A.Z. vom 7.Oktober 2003). Die Filmregisseurin Aelrun Goette geht anders vor. Sie ist nach Neuberesinchen gefahren, in die Frankfurter Plattenbauvorstadt, in der das Verbrechen geschah, und hat sich umgesehen. Sie hat die Mutter, die Nachbarn, die Freundinnen Daniela Jesses befragt, sie hat den Bestattungsunternehmer getroffen, der Kevin und Tobias auf eigene Kosten beerdigte, und die Frau vom Jugendamt, die den Fall bearbeitete. Vor allem aber hat sie Daniela Jesse selbst im Zuchthaus besucht und interviewt. Bei Kumpfmüller wird die Geschichte zum Exempel der Unmenschlichkeit, bei Aelrun Goette ist sie ein Menetekel der deutschen Wirklichkeit. Jedenfalls eine Zeitlang.

          "Die Kinder sind tot" heißt der Film. Lange Zeit bleibt unklar, wer diesen Satz geäußert hat; am Ende erfährt man, daß es Daniela Jesse war. Aber die Frau hat, als sie ihren Nachbarn das Entsetzliche mitteilte, "meine Kinder" gesagt. Der Filmtitel, der das Possessivpronomen tilgt, hat auch eine andere, kältere Nebenbedeutung. Die Kinder sind tot, die Mutter lebt. Laßt die Toten ihre Toten begraben. Und genau diesem Motto folgt Aelrun Goettes Film, indem er den Tatort, die Nachbarn, den Leichenbestatter, die Freundinnen, die Kneipenbrüder im Bierlokal an der Ecke allmählich ausblendet und sich auf das Fernduell von Mutter und Tochter Jesse konzentriert.

          Daniela Jesse, erfährt man da, war ein unsicheres, unselbständiges, vermutlich mißbrauchtes Kind, das seine Männerbekanntschaften und die aus ihnen resultierenden Schwangerschaften dazu benutzte, sich aus den Fängen seiner Mutter zu befreien, auf die es gleichwohl angewiesen blieb. Die Mutter half, aber nicht genug. Das Amt hätte helfen können, doch die Mutter lehnte seine Einmischung ab. Die Tochter, arbeitslos, allein mit zwei kleinen Kindern, suchte Erlösung und Vergessen bei einem neuen Freund. "Ich hab' alles weggeschoben, alles beiseite geschoben, an nichts mehr gedacht, nichts mehr im Kopf gehabt." Daniela Jesse wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Aelrun Goette saß im Gerichtssaal, erlebte die Ausbrüche des Volkszorns gegen die Angeklagte, die öffentliche Genugtuung nach dem Urteil.

          Der Film ist eine Art Revision: Daniela Jesse gegen das Volk. Aber auch der Haß auf den Populismus verzerrt die Züge. Die Mutter der Mörderin mag so gefühlskalt sein, wie sie im Film erscheint, doch das macht den Mord nicht geringer. Daniela Jesse wußte, was sie tat, als sie die Wohnungstür hinter sich zuzog, auch wenn sie dieses Wissen in Sex und Alkohol ertränken wollte. "Ein ganz komisches Gefühl" habe sie im Lauf der vierzehn Tage bekommen, in denen sie ihre Wohnung mied, "als ob irgendetwas fehlt". Und: "Dann hab' ich noch mehr Alkohol getrunken."

          Für das Presseheft zu ihrem Film hat sich Aelrun Goette mit Daniela Jesse fotografieren lassen. Die Regisseurin versteckt ihre Augen hinter einer Sonnenbrille, aber die Botschaft des Bildes ist dennoch klar. Aelrun Goette betrachtet Daniela Jesse als ihre Schutzbefohlene, der sie jenes Mitleid schuldet, das die Mörderin ihren Kindern nicht zu schenken vermochte. Irgendwann muß der Teufelskreis der Gleichgültigkeit unterbrochen werden, das ist wahr. Aber die Kinder Daniela Jesses haben von dieser Empathie nichts mehr. Sie sind tot, und an ihrem Leiden schaut der Film vorbei.

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