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Abschied von Bernd Eichinger : Der letzte Tycoon

  • -Aktualisiert am

Ort für letzte Menschheitsfragen: die Jesuitenkirche St. Michael in Münchens Innenstadt Bild: dpa

Es ist ein Cutter, der heißt Tod: In München nahm die Prominenz des deutschen Films mit einem Gedenkgottesdienst Abschied von Bernd Eichinger. Die Fassungslosigkeit über einen zu frühen Tod wich einer würdigen Beredsamkeit.

          München trauerte. Über der von gedämpfter Festlichkeit erfüllten Innenstadt spannte sich strahlend ein Himmel von blauer Seide, und die barocke Jesuitenkirche St. Michael, postiert zwischen Marienplatz und Stachus, lag im Sonnendunst eines ersten, schönen Februartages. So könnte man, Thomas Manns Erzählung „Gladius Dei“ abwandelnd, beginnen.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          München trauerte wirklich. Schon wenn man von Norden aus über die Leopoldstraße hereinfuhr, war der traurige Anlass überall zu sehen: An den Litfasssäulen hingen Fotos von Bernd Eichinger, von dem die Stadt und die Republik an diesem Montagvormittag in einer zweistündigen Feier Abschied nahmen. Dass der Himmel dazu eine so heitere Miene machte, mochten die fast tausend Trauergäste, die unter dem weiten Gewölbe des Renaissancebaus Platz nahmen, als merkwürdig empfinden, aber es passte zum Naturell des Toten.

          Die Rolle des Zeus im Götter-Olymp des Films

          Man musste ihn gar nicht persönlich gekannt haben, um die Wucht seines Wirkens, das Kraftfeld, das er nicht nur für die Filmwelt war, zu spüren. Aus dem sich allenthalben breitmachenden Ernst, der sich auch von den zahlreichen Prominenten-Fotografen nicht nennenswert aufstören ließ, war deutlich herauszulesen, dass hier wirklich einer zu früh gestorben und ganz plötzlich mitten aus einem tätigen Leben herausgerissen war; aber die Fassungslosigkeit angesichts dieser sich um Berühmtheit nicht scherenden Tatsache wich dann einer würdigen Beredsamkeit.

          Christian Ude: „Wir, deine Stadt und ihre Bürgerschaft, danken dir für alles”

          Umstandslos fasste Kirchenrektor und Jesuitenpfarrer Karl Kern die Lage nach der Nachricht vor zwei Wochen zusammen: „Es war ein Schock“, und bemühte „Ratlosigkeit, Schmerz, Trauer“ – diese drei, so könnte man sagen. Kern predigte aus dem Johannes-Evangelium: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, trägt es viel Frucht.“ Sehr passend war dies auf Bernd Eichinger gemünzt, dem Karl Kern im Münchner Götter-Olymp des Films die Rolle des Zeus zuwies und von dessen Filmen er sagte, dass sie auch eine spirituelle Dimension hätten, indem auch sie sich mit letzten Menschheitsfragen beschäftigten, und dass sie insofern der Hochkultur zugehörig seien.

          Unfähig, eine Totenrede zu halten

          Oberbürgermeister Christian Ude rekapitulierte in seiner knapp bemessenen Rede Eichingers Aufstieg, der in München begonnen hatte: von der Hochschule für Film und Fernsehen über die Sanierung der Produktionsfirma Constantin und den ersten großen Erfolg mit den „Kindern vom Bahnhof Zoo“ bis hin zum „Untergang“, einem Film, dem das Verdienst zukomme, deutlich gemacht zu haben, in welch verbrecherischer Weise das NS-Regime am Ende auch noch die eigene Bevölkerung geopfert habe – von den übrigen Opfern zu schweigen. „Dies alles ist unvergessen.“ Ude feierte ein auch dank sozialen Engagements gelungenes Leben, das Eichinger die Verdienstmedaille „München leuchtet“ einbrachte: „Wir, deine Stadt und ihre Bürgerschaft, danken dir für alles.“

          Es ist vom Tod Evelyn Hamanns noch erinnerlich, wie sich ihr Berufspartner Loriot bitterlich über das ausnahmsweise nicht eingehaltene Timing beschwerte: „Diesmal hast du die Reihenfolge nicht eingehalten – na warte!“ Die Rolle des um eine Generation älteren Hinterbliebenen übernahm hier der zweiundachtzigjährige Produzent Günter Rohrbach, der seiner Unfähigkeit, eine Totenrede zu halten, beredten, immerzu um die Frage „musste das sein?“ kreisenden Ausdruck verlieh: „Dein Tod, das bist nicht du allein.“

          Auf der Seite der normalen Menschen

          Es ist ein Cutter, der heißt Tod: Es lag nahe, bei der Rekapitulation eines ganz dem Film verschriebenen Lebens entsprechende Metaphern zu bemühen. Rohrbach sprach vom Tod als dem „ultimativen Film“, den Eichinger da nun ohne jede Ankündigung gedreht habe. Zwei Regisseure sprachen: Uli Edel, der mit Eichinger wohl das meiste zusammen gemacht hat, feierte den extrovertierten bayerischen Kraftkerl, den er am Anfang gar nicht gemocht habe, und pries die „bacchantischen Versöhnungsrituale“, die auf Kräche gefolgt seien, bevor er für vierzig Jahre Freundschaft dankte. Tom Tykwer hob, akustisch nur schwer zu verstehen, den Lustmenschen und Lebemann im Künstler hervor, den in einer Trauerfeier zu unterschlagen wohl auch nicht aufrichtig gewesen wäre. Die Schauspielerin Martina Gedeck nahm ihre Zuflucht bei dem Autor Joseph Campbell: „Im tiefsten Abgrund ertönt die Stimme der Erlösung.“

          In Elia Kazans Spätwerk „Der letzte Tycoon“ spielt der junge Robert DeNiro den Titelhelden, den Produzenten Monroe Starr, der beim Ansehen von Dreharbeiten einen Dialogfetzen unter Liebenden aufschnappt: „... noch ich dich“, heißt es da. Der Produzent ist außer sich. So würde kein normaler Mensch reden, und das würde auch kein Zuschauer, um den der Film doch kämpfen müsse, verstehen. Dass Bernd Eichinger sich auch in dieser Hinsicht nichts vorzuwerfen hat, machte die Trauerfeier deutlich.

          Eine Art Volksfrömmigkeit

          Zu den Klängen des treffend ausgewählten, weil von leiser Resignation vor dem Unabänderlichen handelnden Beatles-Songs „Let It Be“ marschierte die Gesellschaft ins Freie. In den ersten Sitzreihen lagen, als stumme Zeugen der Trauer, die Zettel auf den der Prominenz vorbehaltenen Plätzen: Iris Berben, Doris Dörrie, Kulturstaatsminister Bernd Neumann, Wolfgang Petersen, Thomas Gottschalk, Axel Milberg, Helmut Markwort, Uwe Ochsenknecht, Edmund Stoiber, Joachim Fuchsberger mit Frau und sehr viele andere.

          Draußen, in der frühlingshaften Wärme, hatte sich, wie um zu zeigen, dass man an Bernd Eichinger doch noch etwas gutzumachen habe, ein Mann mit einem Transparent postiert: „München nimmt Abschied. Eichinger, ein Vorbild über den Tod hinaus.“ Eine Münchnerin, die hinter der Absperrung ausgeharrt hatte, sah das und sagte, in einer Art Volksfrömmigkeit: „Mei, is des nett!“

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