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Aaron Sorkin, Oscar-Favorit : Was Menschen in Zimmern zueinander sagen

Aaron Sorkin, gestern bei seiner Ankunft in Los Angeles Bild: REUTERS

Glaubt man Fachleuten wie Buchmachern, geht Aaron Sorkin heute Abend bei den französischen Césars, vor allem jedoch am Sonntag bei der Oscar-Verleihung mit Trophäen nach Hause: Ein Treffen mit dem amerikanischen Drehbuchautor in London.

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          Mister Sorkin, wie machen Sie das? Wie komponieren Sie Ihre Dialoge, scharf wie japanische Messer und gleichzeitig so rhythmisch, dass sie sich sprechen lassen, als fiele den Schauspielern gerade erst ein, was sie sagen wollen? Die so außerordentlich elaboriert ausgedacht sind, aber so klingen, als kämen sie direkt aus der Umgangssprache? Sätze, die in den Raum purzeln wie Lichtbälle von Leuchtraketen, smarte Sätze, die smartere Antworten provozieren?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das ist es, was ich von Aaron Sorkin, dem Erfinder, Autor und ausführenden Produzenten der Fernsehserien „The West Wing“ und „Studio 60 on the Sunset Strip“, dem Autor von Filmen wie „A Few Good Men“ und „The Social Network“ wissen wollte, als wir uns kürzlich in London trafen.

          Aber erst einmal kommt eine Nominierung dazwischen. Ein Mädchen steckt den Kopf zur Tür rein und ruft: „Wir sind als bester fremdsprachiger Film nominiert!“ „Meine Lieblingskategorie“, sagt Sorkin leise, „für welchen Preis?“ Es ist der César, der französische Oscar sozusagen. Am heutigen Freitagabend wird er verliehen. Viel wichtiger sind aber die Oscars am Sonntag. Bis vor einigen Wochen war „The Social Network“, der die Geschichte der Gründung von Facebook erzählt, Favorit. Der Film räumte bei den Golden Globes und den Kritikerpreisen der Saison ab.

          Auch Nerds brauchen Dialoge: Die Schauspieler Jesse Eisenberg, der Mark Zuckerberg spielt, und Joseph Mazzello (er gibt Dustin Moskovitz) in einer Szene von „Social Network”

          Dann trat „The King's Speech“ seinen Siegeszug bei den Preisen der Hollywood-Berufsverbände an. Die Produzenten, die Regisseure, die Schauspieler, die, anders als die Kritiker, auch für die Oscars abstimmen, votierten sämtlich für „The King's Speech“. Nur die Genossenschaft der Drehbuchautoren prämierte „The Social Network“ - also Sorkin - in der Kategorie „bestes adaptiertes Drehbuch“, weil er sich auch auf die Recherchen von Ben Mezrich stützte, dessen Buch „The Accidental Billionaires“ gleichzeitig mit seinem Drehbuch zu „The Social Network“ entstand. Wenigstens dieser eine Oscar sollte dem Film, der für acht nominiert ist, sicher sein.

          Der Prozess des Schreibens

          „Was wollten Sie wissen? Ach so.“ Er lächelt milde, als wäre das eine indiskrete Frage, die er trotzdem beantworten werde: „Jemand muss etwas unbedingt wollen. Wenn er etwas unbedingt braucht, umso besser. Der Held will das Mädchen. Oder das Geld. Oder er will nach Paris - es spielt keine Rolle. Und dann muss sich ihm ein Hindernis in den Weg stellen, das er wegräumen muss. So funktioniert jede Szene, und so funktioniert jeder Plot. Das Hindernis muss allerdings glaubwürdig sein. Warum ruft er das Mädchen nicht einfach an? Warum steigt er nicht in ein Flugzeug? Wenn das Publikum anfängt, so zu denken, ist die Geschichte tot.“

          Das ist nun nicht gerade das Geheimnis, auf dessen Preisgabe ich gehofft hatte. Denn es geht ja, wenn man sich Sorkins Drehbücher vornimmt, nicht darum, warum einer nicht nach Paris kommt, sondern darum, was er dazu zu sagen hat.

          „Menschen in Zimmern reden lassen“, das sei es, was er könne, bestätigt er und wird dann doch noch etwas genauer, was den Prozess seines Schreibens angeht. Bei der Arbeit für „The Social Network“ - Mark Zuckerberg gründet Facebook aus enttäuschter Liebe (er will das Mädchen, das ihn sitzenlässt) und sozialem Neid (er will in Harvards elitären Phoenix-Club, der ihn nicht einlädt), so legt der Film es nahe - war zunächst eine aufwendige Recherche nötig. Zuckerbergs Harvard-Blog musste gesichert, Instant Messages mussten aufgetrieben und Berge von juristischen Dokumenten analysiert werden, denn über die Urheberschaft an der Facebook-Idee wird immer noch gestritten.

          Wie zwei sportliche Lachnummern

          Außerdem gibt es für die Geschichte, die gerade sieben Jahre alt ist, Zeugen. Sorkin hat sie befragt und von jedem eine andere Version der Ereignisse gehört. Er machte das zur Stärke seines Buchs, der Regisseur David Fincher zur Stärke seines Films: Die Perspektive auf die Gründung des Netzwerks, das inzwischen mächtig genug ist, um Revolutionen zu ermöglichen, ist gebrochen. Die Zuckerbergs ist eine andere als die seines alten Freundes Eduardo, den er fallenließ, und beide decken sich nicht mit der seines neuen Freundes Sean, der Zuckerberg nach Palo Alto holte.

          Vielleicht war diese Art, sich nicht auf eine Sicht festzulegen, auch der Grund, dass es zu keinen gerichtlichen Auseinandersetzungen kam. Immerhin handelt es sich um lebende Personen, deren Charaktere nicht gerade leuchten. Aber niemand hat gegen den Film geklagt. Zuckerberg nicht. Vor allem aber auch die Winkelvosses nicht, die hochvermögenden Zwillinge aus Harvard, deren Stammbaum wahrscheinlich bis zur Mayflower zurückreicht und die wie zwei sportliche Lachnummern durch den Film laufen. Die Höhe ihrer Abfindung (bisher 65 Millionen Dollar) lässt darauf schließen, dass die Behauptung ihrer Urheberschaft an der Idee eines universitätseigenen Netzwerks, als das Facebook begann, nicht ganz abwegig ist, auch wenn Sorkin Zuckerberg sagen lässt: „Wenn die Winkelvosses die Erfinder von Facebook wären, hätten sie es doch erfunden.“

          Verwandlung in ein Pingpong-Zimmer

          Irgendwann lagen die Fakten auf Sorkins Tisch. Aber sie sind noch keine Geschichte. An diesem Punkt wird für Sorkin das Autofahren wichtig. Und die Musik: Bruce Springsteen, Joe Jackson, Dire Straits, Musik aus seiner Highschool-Zeit, seit der sich sein Geschmack nicht verändert hat. Wenn er die alten Songs hört, drängen sich Erinnerungen ins Bewusstsein, Jugend, etwas, das ihn anstachelt, Energie freisetzt - und dann fängt er an mit dem Schreiben, wenn es klappt, und hört, solange es geht, nicht mehr damit auf. Absolute Zeitgenossenschaft also, wie in „The Social Network“, gewonnen aus der Erinnerung? Als Kind habe er sich in Theateraufführungen etwa von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, als er nichts verstand, in die Dialoge verliebt. Der Klang der Wörter ist so wichtig wie ihre Bedeutung? Ja, so sei das für ihn. Die Dialoge kommen als Erstes, am schnellsten und am leichtesten, und sie sind das Einzige, das er den Fakten hinzugefügt habe.

          „Sie wissen doch“, sagt der Film-Zuckerberg zum Beispiel in einer Anhörung mit den Winkelvosses, „dass Geld in meinem Leben keine große Bedeutung hat. Aber im Augenblick könnte ich Mt. Auburn Street kaufen und den Phoenix-Club in mein Pingpong-Zimmer verwandeln.“ Nach all den Erfolgen als Fernseh- und Filmautor, begreift Sorkin sich vor allem als Theatermann. So hat er anfangen, das bleibt sein Selbstbild. Ein Konservativer also? Er nennt Mark Twain und Charles Dickens als Einflüsse, Tom Stoppard als unerreichbares Vorbild. Jetzt will er Regie führen, bei einer Fernsehserie, die hinter den Kulissen eines Nachrichtenmagazins spielt. Die perfekte Szenerie für einen, der wie kein anderer schreiben kann, was Menschen in Zimmern zueinander sagen.

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