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Aaron Sorkin, Oscar-Favorit : Was Menschen in Zimmern zueinander sagen

Wie zwei sportliche Lachnummern

Außerdem gibt es für die Geschichte, die gerade sieben Jahre alt ist, Zeugen. Sorkin hat sie befragt und von jedem eine andere Version der Ereignisse gehört. Er machte das zur Stärke seines Buchs, der Regisseur David Fincher zur Stärke seines Films: Die Perspektive auf die Gründung des Netzwerks, das inzwischen mächtig genug ist, um Revolutionen zu ermöglichen, ist gebrochen. Die Zuckerbergs ist eine andere als die seines alten Freundes Eduardo, den er fallenließ, und beide decken sich nicht mit der seines neuen Freundes Sean, der Zuckerberg nach Palo Alto holte.

Vielleicht war diese Art, sich nicht auf eine Sicht festzulegen, auch der Grund, dass es zu keinen gerichtlichen Auseinandersetzungen kam. Immerhin handelt es sich um lebende Personen, deren Charaktere nicht gerade leuchten. Aber niemand hat gegen den Film geklagt. Zuckerberg nicht. Vor allem aber auch die Winkelvosses nicht, die hochvermögenden Zwillinge aus Harvard, deren Stammbaum wahrscheinlich bis zur Mayflower zurückreicht und die wie zwei sportliche Lachnummern durch den Film laufen. Die Höhe ihrer Abfindung (bisher 65 Millionen Dollar) lässt darauf schließen, dass die Behauptung ihrer Urheberschaft an der Idee eines universitätseigenen Netzwerks, als das Facebook begann, nicht ganz abwegig ist, auch wenn Sorkin Zuckerberg sagen lässt: „Wenn die Winkelvosses die Erfinder von Facebook wären, hätten sie es doch erfunden.“

Verwandlung in ein Pingpong-Zimmer

Irgendwann lagen die Fakten auf Sorkins Tisch. Aber sie sind noch keine Geschichte. An diesem Punkt wird für Sorkin das Autofahren wichtig. Und die Musik: Bruce Springsteen, Joe Jackson, Dire Straits, Musik aus seiner Highschool-Zeit, seit der sich sein Geschmack nicht verändert hat. Wenn er die alten Songs hört, drängen sich Erinnerungen ins Bewusstsein, Jugend, etwas, das ihn anstachelt, Energie freisetzt - und dann fängt er an mit dem Schreiben, wenn es klappt, und hört, solange es geht, nicht mehr damit auf. Absolute Zeitgenossenschaft also, wie in „The Social Network“, gewonnen aus der Erinnerung? Als Kind habe er sich in Theateraufführungen etwa von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, als er nichts verstand, in die Dialoge verliebt. Der Klang der Wörter ist so wichtig wie ihre Bedeutung? Ja, so sei das für ihn. Die Dialoge kommen als Erstes, am schnellsten und am leichtesten, und sie sind das Einzige, das er den Fakten hinzugefügt habe.

„Sie wissen doch“, sagt der Film-Zuckerberg zum Beispiel in einer Anhörung mit den Winkelvosses, „dass Geld in meinem Leben keine große Bedeutung hat. Aber im Augenblick könnte ich Mt. Auburn Street kaufen und den Phoenix-Club in mein Pingpong-Zimmer verwandeln.“ Nach all den Erfolgen als Fernseh- und Filmautor, begreift Sorkin sich vor allem als Theatermann. So hat er anfangen, das bleibt sein Selbstbild. Ein Konservativer also? Er nennt Mark Twain und Charles Dickens als Einflüsse, Tom Stoppard als unerreichbares Vorbild. Jetzt will er Regie führen, bei einer Fernsehserie, die hinter den Kulissen eines Nachrichtenmagazins spielt. Die perfekte Szenerie für einen, der wie kein anderer schreiben kann, was Menschen in Zimmern zueinander sagen.

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