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Video-Filmkritik : Ein Remake ohne Vorbild

Das Original: Judy Garland mit James Mason in „A Star is Born“ von 1954

Coopers „A Star is Born“ kennt erfreulicherweise mehr als eine Sorte Liebe, zum Beispiel die bis zum Gewaltakt leidenschaftliche Beziehung zweier Brüder, die der Verlust des Vaters in früher Jugend auf Verhaltensmuster festgenagelt hat, denen sie nie mehr entkommen werden (der große Sam Elliot, der seit seinem ersten Erscheinen 1969 in „Butch Cassidy and the Sundance Kid“ zahllose Hollywoodfilme uneitel veredelt hat, liefert als Coopers Bruder eine seiner vielen feinfühligen Altersbravourleistungen ab).

Psychologisch differenzierte Arbeit leistet der Regisseur auch als Schauspieler: Seine Angst um die Geliebte zittert wie Herbstlaub am dürren Zweig; er sieht korrekt voraus, dass der Ruhm sie zwingen wird, ihre empfindlichste Wahrheit der ganzen Welt preiszugeben. Cooper nimmt, wo es um dieses Thema geht, die Bedrohlichkeit der Menschenverwertung durch die Unterhaltungsbranche ganz in sein Spiel und in seine Musik: „Maybe it’s time to let the old ways die“, singt er, und diese „old ways“ sind nicht irgendein Ahnenerbe, sondern die Machenschaften der Kulturindustrie, bei der sich die 1954er Fassung von „A Star is Born“ im Vorspann demütig bedankt, weil sie ein paar Requisiten (den Oscar zum Beispiel) nutzen darf.

1976 spielte Barbra Streisand die Hauptrolle in „A Star is born“ neben Kris Kristofferson.

Dies zur Regie und zu den Männerschmerzen. Der springende Punkt an „A Star is Born“ ist freilich letztlich der Star, der hier (wieder)geboren wird. Peinliche Enthüllung: Bis 2015 hielt der Rezensent Lady Gaga für eine nicht besonders inspirierte Reprise mittelintelligenter Popstarmodelle aus dem letzten Jahrhundert. Dann betrat sie die Fernsehserie „American Horror Story“ wie ein römischer Kaiser das Colosseum, nein: rauschte in ihre Eröffnungsszene wie trunkenes Blut in heiße Ohren, schwebte und schritt, metzelte und wälzte sich durch mehreren Takte der Songkreissäge „Tear you Apart“ von She Wants Revenge und riss damit anstrengungslos eine Show an sich, in der immerhin Gigantinnen wie Angela Bassett und Kathy Bates das Hausrecht ausüben. Ein winziger Zweifel blieb, so unwiderstehlich dieses Phänomen mit den gebleichten Blicken und fischmenschlichen Bewegungen aussah: Hatte sich die Frau nicht einfach als teils anziehende, teils abstoßende Kunstfigur selbst gecastet und spielte diese Figur jetzt einfach immer und überall, egal, wie die Rolle hieß (die Älteren kennen das Konzept unterm Namen „Klaus Kinski“)? Wie blöd man manchmal ist. Lady Gaga kann spielen, singen, alles. Wer‘s bei „A Star is Born“ nicht merkt, hat ein Rad ab.

In einem dummen Text, den ein kluger Mann vor dreißig Jahren schrieb, beschwerte sich der kluge Mann darüber, dass Prince ja nur ein schwacher Abklatsch von Jimi Hendrix sei und Madonna eine billige Kopie von Marilyn Monroe. Der Dichter Ezra Pound fand, jede Zeit müsse sich von den Kunstschöpfungen, welche die Zeit überdauern, ihre eigenen Versionen erarbeiten. Aber um Überdauern geht es nicht mehr, wenn die Reichweite der Medien weltweit ist, wenn immer mehr Speicher voll sind und immer mehr Nachrichten menschlich ekelhaft.

Es geht um das Recht des Unwiederbringlichen, das Leben zu erleuchten. „Weil ich vor dir nie geliebt habe, werde ich nach dir nie mehr lieben können“, sagt das Lied, das in „A Star is Born“ übrigbleibt, wenn alles andere verbrannt ist.

Liebesglück ist eine Kunstmetapher für jenes seltene Selbstbewusstsein der Sterblichkeit, das ihr dämmert, wenn sie begreift, dass Schönheit nicht ewig sein muss, um übers Diesseits und seine elenden Kleinlichkeiten zu siegen. „A Star is Born“ von Bradley Cooper sagt und singt davon – eins der raren Märchen, die nicht lügen.

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