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800 Jahre Thomanerchor : Johann Sebastian Bachs Kadetten

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Um die Lebensbedingungen im Alumnat zu verbessern und die Zukunft des Thomanerchores und seiner Idee einer umfassenden musikalischen Bildung zu sichern, wurde 2001 auf Initiative von Biller und dem Chorgeschäftsführer Stefan Altner der Verein „Forum Thomanum Leipzig“ gegründet, mit dem Ziel, ein international ausgerichtetes musikalisches Bildungszentrum zu schaffen. Neben der Eröffnung einer Kindertagesstätte, einer Grundschule und einer Jugendmusikakademie dient dem Projekt auch der Renovierung des Alumnats.

Die traditionellen „Stuben“ werden gerade zu Wohngemeinschaften umgebaut mit je einem großen Gemeinschaftsraum, von dem Zweierzimmer abgehen. Das hierarchische Tutorensystem der Stubenältesten aber soll nicht geopfert werden. Interessanterweise haben die Thomaner selbst darauf bestanden. Manche Jungen, die in Leipzig wohnen und zunächst öfter nach Hause dürfen, bleiben nach einer gewissen Zeit auf eigenen Wunsch hin lieber im Alumnat, wo ihnen der Stubenälteste bei den Hausaufgaben hilft, sie berät, wenn sie Probleme haben, und wo es mehr Abwechslung gibt.

Wer trifft die Entscheidung für dieses Leben?

Was die Kinder über ihr Heimweh und den Mangel an individuellen Freiräumen hinwegtröstet, ist das Gefühl, an einer Sache beteiligt zu sein, die es gemeinschaftlich zu befördern gilt. Die Gemeinschaft, das ist neben der Tradition das andere Schlüsselwort des Thomanerlebens. Und die Gemeinschaft ist es, die neben dem zweifellos unschätzbaren Wert des täglichen aktiven Umgangs mit großer Musik die Kinder fürs Leben prägt. Sie tritt an die Stelle der Familie - die man mit dem Abitur in der Tasche dann zum zweiten Mal verlassen muss.

Das ZDF ließ jüngst einen Psychologen zur Lebenssituation der Thomaner zu Wort kommen und fragte rhetorisch, ob denn Kinder im Alter von neun Jahren überhaupt schon fähig seien, eine so weitreichende Entscheidung zu treffen wie die, ein Leben in einer so strengen Institution führen zu wollen. In Wahrheit - das stand hinter dieser Frage - seien es doch wohl die Eltern, die ihren Kindern diese Entscheidung aus eigener Ambition heraus aufzwängen. Man könnte natürlich auch umgekehrt fragen, mit welchem Recht weit weniger ambitionierte Eltern unter der Hand für ihre Kinder eine folgenreiche Entscheidung treffen, indem sie sie zum Beispiel von morgens bis abends mit einem verblödenden Fernsehprogramm ruhigstellen oder mit Süßigkeiten vollstopfen.

Aber seltsamerweise reagiert man in der Kulturnation Deutschland immer dann, wenn es um Kunst und speziell um die Musik geht, auf alles, was nach Arbeit, Disziplin und Ehrgeiz riecht, höchst allergisch. Nur im Sport legt man ganz andere Maßstäbe an.

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