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800 Jahre Thomanerchor : Johann Sebastian Bachs Kadetten

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Harter Alltag statt fliegendem Klassenzimmer

Von all dem erfährt man in dem knappe zwei Stunden dauernden Dokumentarfilm „Die Thomaner - Herz und Mund und Tat und Leben“, den Paul Smaczny und Günter Atteln nun pünktlich zum Jubiläum herausbringen, so gut wie nichts - dafür gewährt er jedoch einen anrührenden Einblick in den Alltag der Thomaner von heute. Ein Jahr lang haben die Regisseure den Chor mit der Kamera begleitet und neben Biller vor allem ausgewählte Protagonisten in den Mittelpunkt gestellt: den neunjährigen Johannes etwa, dessen Ziel es „nämlich schon immer war“, in den Thomanerchor aufgenommen zu werden, und der, seit er die höchst anspruchsvolle Aufnahmeprüfung bestand, offenbar überhaupt nie wieder aufgehört hat, unter seinem blonden Lockenkopf übers ganze Gesicht engelsgleich zu strahlen.

Im Leipziger Kino „Schauburg“ flitzt er bei der „family & friends“-Vorführung, die für alle Thomaner und ihre Familien stattfindet, aufgeregt zwischen seinen Mitschülern und Bewunderern umher, beschenkt jeden, den er anblickt, mit seinem Lächeln und schwärmt bereitwillig davon, wie schön das Leben als „Thomasser“ sei. Drei Säle sind prall gefüllt mit den Popcorn und Limonade naschenden, schnatternden und kichernden Chorknaben. Knapp hundert Thomaner gibt es zurzeit. Das Urteil nach der Vorstellung können sich die Regisseure ans Revers stecken: „Ihr habt uns endlich einmal so gezeigt, wie wir wirklich sind!“ Eine etwas skeptischere Mutter bekennt zwar, am Anfang habe sie gedacht, das sei ja „doch bloß wieder dieser ,Das fliegende Klassenzimmer’-Kitsch“, doch sei auch sie schließlich überzeugt worden von dem Gelingen des Films.

„Das fliegende Klassenzimmer“ zeigt den Tagesablauf der „Kasten“-Bewohner tatsächlich um einiges behaglicher, als er in Wirklichkeit ist. Vom Weckruf mit dröhnender Rockmusik aus dem Lautsprecher früh um halb sieben über Schul-, Chor- und Instrumentalunterricht bis zur Schlafenszeit ist hier der ganze Tag minutiös durchgeplant. Fürs Mittagessen bleibt gerade eine Viertelstunde. Geprobt wird schier endlos, hart und unnachgiebig. Nur so kann Biller den lupenreinen, klaren Klang dieses Elite-Ensembles erzielen. Dreimal die Woche singt der Chor in seinen altmodischen blau-weißen „Kieler Blusen“ in der Thomaskirche, dazu kommen die großen Konzertreisen, wie zuletzt die Südamerikareise, die das Filmteam begleitet hat. Doch offenbar wird dieses Pensum auch als Erfüllung betrachtet: „Was ich mich immer frage“, sagt ein junger Thomaner vor der Kamera, „ist, wie die Externen die Zeit totschlagen.“ Die „Externen“, das sind jene Schüler der Thomasschule, die nicht zum Chor gehören.

Das hierarchische System bleibt bestehen

Das Leben im Internat, wo ein junger Thomaner „Ultimus“ genannt und von den Stuben-Ältesten beaufsichtigt wird, wo bis vor kurzem bis zu zehn Jungs in einem spartanisch eingerichteten Schlafsaal wohnten und die strikten Regeln und Werte der Institution von den Älteren vermittelt bekamen, notfalls auch durch eine „Stunde“ genannte Strafe in Form einer abzuleistenden gemeinnützigen Arbeit - dieses Leben erfordert nicht nur eine herausragende Begabung, Disziplin und Begeisterung für die Sache, sondern auch eine stabile psychische Konstitution und außergewöhnliche schulische Leistungen, weil für die Hausaufgaben nicht viel Zeit bleibt.

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