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60 Jahre Volksrepublik China : Verschreckt die Kapitalisten nicht!

Ein gewaltiges Propagandawerk: Filmplakat zu „The Founding of a Republic” Bild: dpa

Zum Jahrestag ihrer Gründung gönnt sich die Volksrepublik China einen Film mit 176 Stars: ein „Birth of a Nation“-Epos, das Popkultur und Propaganda vollendet vereint - und als Dokument der politischen Umdeutung in der Geschichte die Gegenwart entdeckt.

          So also sieht die Begegnung von Kulturindustrie und Kommunismus aus: Zhang Ziyi, die offiziell schönste Frau des chinesischen Films, trägt eine grüne Uniform und redet, treuherzig enthusiastisch und jung wie nie, auf den Vorsitzenden Mao ein, um ihn von den Vorteilen des Nationalflaggenentwurfs mit den fünf Sternen zu überzeugen. Mao schaut Zhang Ziyi väterlich gütig, wie es nun mal seine Art ist, an, auch etwas belustigt, und nickt mit dem Kopf. Wie man weiß, wurde der Entwurf mit den fünf Sternen dann ja kurze Zeit später tatsächlich zur Fahne der Volksrepublik China erklärt.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Szene stammt aus einem Film, für den die Anwesenheit von Stars nicht bloß eine werbewirksame Begleiterscheinung ist, sondern ein Teil der Botschaft selbst. Nicht weniger als 176 chinesische Kinoberühmtheiten sind bei dem Epos „Die große Leistung der Gründung“ (auf Englisch, in Anspielung auf D. W. Griffiths „Birth of a Nation“: „The Founding of a Republic“) aufgeboten, mit dem die Volksrepublik ihren sechzigsten Geburtstag am 1. Oktober feiert. Es ist die vollkommene Einheit von Popkultur und Propaganda: Die Einigkeit und Geschlossenheit des Landes werden durch die komplette Präsenz des chinesischen Filmstarwesens symbolisiert. Viele der Schauspieler sollen in Anbetracht des patriotischen Zwecks auf die Gage für ihren Auftritt verzichtet haben; bei den meisten ist dieser so kurz und versteckt, dass die Werbung es als speziellen Reiz des Films ausgibt, möglichst viele Prominente hinter ihren Kostümierungen aufzuspüren. Auch berühmte Regisseure wie Chen Kaige („Lebewohl, meine Konkubine“), der einen mit den Kommunisten sympathisierenden Kuomintang-Offizier spielt, sind dabei. Neben den vielen, die vor allem dem heimischen Publikum bekannt sind, fällt der hohe Anteil international bekannter Darsteller wie Jackie Chan, Yun-Fat Chow, Tony Leung und Vivian Wu auf, die in Hongkong leben oder gar einen nichtchinesischen Pass erworben haben. Bezeichnenderweise sorgte ausgerechnet dieser Umstand im oft nationalistisch tönenden chinesischen Internet für die meiste Diskussion: Warum müssen so viele „Ausländer“ in unserem chinesischen Film dabei sein? Doch offensichtlich gehört das zu den Absichten des Werks, das eine neue Teleologie der kommunistischen Geschichte suggeriert – ihr Fortschreiten zu einem Zustand, in dem sie vermeintlich vollends in die internationale Unterhaltungsindustrie integriert ist.

          Ein Dokument der politischen Umdeutungen

          Ansonsten ist der von der staatlichen „China Film Group“ produzierte Film ein Dokument der im engeren Sinn politischen Umdeutungen, die die Kommunistische Partei zum Jubiläum ihres Machtantritts vornehmen will. Das Datum des 1. Oktober, an dem eine große Militärparade auf dem Platz des Himmlischen Friedens stattfinden soll, wird seit Wochen präsent gemacht. Alle Geschäfte, Restaurants und Siedlungen haben die Nationalflaggen oder rote Lampions oder beides nach draußen gehängt. Wie bei den Olympischen Spielen streifen Freiwillige durch die Stadt, diesmal in gelben T-Shirts, die mit einer neckisch geschwungenen „60“ in Rot versehen sind. Währenddessen sind an den großen Kreuzungen vermummte Soldaten mit Maschinengewehren postiert. Das Fernsehen zeigt am laufenden Band historische Dokumentationen, Kostümserien und Galashows zum großen Tag. Das Kunststück, das den Propagandaabteilungen dabei abverlangt wird, ist, wie sie die Gegenwart, die sie gemeinhin als entpolitisierte Zone potentiell unendlichen Wachstums und Konsums darstellen, mit den Ursprüngen der kommunistischen Herrschaft in Krieg, Revolution und Ideologie verbinden sollen.

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