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„300 - Rise of an Empire“ im Kino : Die neuesten Sanktionen gegen Persien

Spätestens nächstes Jahr auf dem Leipziger Wave-Gothic-Treffen mit einem eigenen Wagen dabei: die antike Terroristin Artemisia (Eva Green) Bild: Warner Bros. Pictures

„300 - Rise of an Empire“ inszeniert die Verteidigung des demokratischen Griechenland der Klassik gegen die Perser als Krieg gegen den Terror. Der Zweck adelt jede Untat.

          Persische Schiffe in der aufgewühlten Ägäis, tanzende Späne splitternder Bretter, Schwerter aus bleigrauem Hass, geölte Männerbrüste, groß wie Kalbsköpfe - vor allem aber: colabraunes Blut, das aus Stümpfen abgehauener Gliedmaßen spritzt wie Gischt aus einem Hydranten, den ein liebestolles Nashorn umgerannt hat.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Hätte Leni Riefenstahl einen von Arno Breker gemeißelten Massenverkehrsunfall auf der Mythenautobahn von Sparta nach Bayreuth mit der Kamera abtasten dürfen, bis der 3-D-Brille schwindlig wird, wäre wohl etwas herausgekommen, das ebenso lieblich ist wie dieser schäumende Eintopf aus optischem Unschlitt, politischer Tollwut und dialogischem Blödsinnsgekröse.

          Diese ethnisch undurchschaubaren Finsterlinge

          „300 - Rise of an Empire“ von Noam Murro ist die Fortsetzung des Welterfolgs „300“ (2006) von Zack Snyder, der Verfilmung einer Graphic Novel von Frank Miller, in der die Thermopylenschlacht als Vorwand für einen kraftvoll sinnverlassenen Metzelexzess herhalten musste. Murros nach einem Drehbuch von Snyder zusammengedroschener zweiter Teil legt es jetzt darauf an, den ersten in jeder Hinsicht zu überbieten: massiger, dabei zugleich tumber und geschliffener, vor allem aber gänzlich losgelöst von Frank Millers krakeliger Schattenriss-Ästhetik sowie den bescheidenen Spuren ironischen oder wenigstens zynischen Witzes, die Millers Handschrift noch in den übelsten, von ihm mit Vorliebe betretenen reaktionären Schmuddelszenarien wirkungsveredelnd mit sich führt.

          Hustet seine Lieblingswörter „Freedom“ und „Democracy“, als wären es die Namen geliebter Sportvereine: Sullivan Stapleton als Themistokles

          Wir befinden uns im Morgendämmer des Abendlandes, das man gegen die Perser verteidigt, indem man von laschen Politikern ängstlicher Stadtstaaten fordert, was heute Joachim Gauck von Deutschland will: mehr Verantwortung, mehr Truppen, mehr Opfermut. Der dies verlangt, heißt Themistokles - auf Englisch klingt das wie „the mystic lease“, die überweltliche Pacht. Der Mann wird von Sullivan Stapleton mit der verhalten vibrierenden Intensität eines elektrischen Nasenhaarentferners verkörpert, der seinen Landsleuten weniger mit abgehobener Rhetorik einheizt als damit, dass er ihnen beispielgebend vorangeht. So hustet er seine Lieblingswörter „Freedom“ und „Democracy“, als wären es die Namen geliebter Sportvereine, hopst dann mit gezückter Klinge wie ein Frosch übers Schlachtfeld und murkst dort alle ab, die nicht wie er aussehen. Es ist ein Krieg gegen den Terror: Die Perser sind ethnisch undurchschaubare Finsterlinge, tragen Turbanartiges, beten einen Gottkönig an, der aussieht, als wäre er wegen zu teuren Piercinggeschmacks aus der Pop-Band „Right Said Fred“ geflogen, und sprengen sich mit teerverschmiertem Feuerwerk in die Luft, damit das Publikum 2014 begreift, um was für Wüstensöhne es sich handelt.

          Eine ausgemacht hässliche Moral

          Gegen solche Typen ist alles erlaubt - zur Not kopuliert Themistokles sogar mit der besten Soldatin des Feindes (die historisch Fürstin von Halikarnassos war). Unter den zahllosen Abscheulichkeiten des Films ist diese zugleich schamlose und schwer verklemmte Sexszene - man sieht die beiden stöhnenden Köpfe, die böse Frau trägt irgendwann kein Leibchen mehr - vielleicht die verblüffendste, handelt es sich doch um die einzige Sequenz, in der Figuren etwas anderes tun als töten, sterben oder sich durch ödes Gefasel über innere Härte und äußeres Verhängnis auf beides vorbereiten. Was sich da endlos peinliche und widerliche Minuten lang zwischen Stapleton und der von Eva Green mit der Hemmungslosigkeit eines sich in permanenter Angriffshaltung gegen ein unfassbares Drehbuch verteidigenden Talents gespielten Todesmetze Artemisia passiert, ist eine Vergewaltigung, die auch dadurch nicht hübscher wird, dass die Regie zwischendurch vergisst, wer da jetzt genau wen vergewaltigt und dabei eine Lust erlebt, die ohnehin bestenfalls Vorspiel für die nächste Schlächterei sein kann.

          Sieht aus, als wäre er wegen zu teuren Piercinggeschmacks aus der Pop-Band Right Said Fred geflogen: Rodrigo Santoro als persischer Gottkönig

          Unmoralisch? Im Gegenteil, leider. Eine implizite wehrhafte Moral wird durchaus suggeriert; sie ist allerdings ausgemacht hässlich: Hätte man doch nur den jungen Sohn des Perserkönigs Darius gleich mit ermordet, als man den Alten fällte, damit der Spross später keinen Vergeltungsfeldzug anführen kann; hätte man doch bloß dem von Hopliten misshandelten Mädchen nach Vollzug der Tat an Ort und Stelle die Kehle durchtrennt, statt das Opfer am Straßenrand liegen zu lassen, wo ein dunkelhäutiger Perser es auflesen und zum Racheteufel ausbilden darf.

          Bloß Unterhaltung?

          Lesen wir das ungewohnte Wort „Hopliten“ einmal als „Ledernacken“, „Marines“ oder, auf Bundeswehrdeutsch, „Krisenreaktionskräfte“, dann wird da eine aus den Nachrichten vertraute Folgerichtigkeit gruselmoralisch begründet und bebildert, mit der Drohnen islamische Hochzeitsgesellschaften dezimieren oder Spezialeinheiten bei nächtlichen Überfällen sechzehnjährige Söhne Terrorverdächtiger exekutieren. Es ist die Logik der permanenten Verlängerung von Tötungslisten bis ins dritte, siebte, zwölfte Glied, über die Jeremy Scahill seinen Dokumentarfilm „Dirty Wars“ gedreht hat.

          Mit so was habe doch ein Popcornkracher wie „300 - Rise of an Empire“ nichts zu tun? Das sei doch bloß Unterhaltung? Da werden die Menschen aber erleichtert sein, die in die Zielerfassung von Killern geraten, deren Blicksozialisation solche Unterhaltung mit einbegreift.

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