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25 Jahre „Titanic“ : Schlagt euch die Sonne aus dem Hirn

Unser aktuelles Lieblingscover: September 2004 Bild: Titanic

Das „endgültige Satiremagazin“ ist tatsächlich nicht totzukriegen: Die „Titanic“ besteht seit fünfundzwanzig Jahren. Viele der ersten Besatzungsmitglieder sind noch an Bord - manche selbst über den Tod hinaus.

          Über eines sind sich die Chronisten nicht ganz einig: ob das Projekt nun am Kamin oder im Garten ausgeklügelt worden ist. Jedenfalls war es 1979 in einem Hintertaunusdörfchen namens Lindscheid, in einer Villa namens "Claire", wo fünf Herren (F.K. Waechter, Chlodwig Poth, Hans Traxler, Robert Gernhardt und Peter Knorr) sich zusammenfanden, um ein neues Satiremagazin zu gründen, da "Pardon", für das alle fünf schon gearbeitet hatten, sich nicht mehr auf der Höhe bewegte, die das Lindscheider Quintett für nötig hielt - um es höflich auszudrücken.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Und um zur Kamin- oder Gartenfrage zurückzukehren: Wäre sie geklärt, wüßten wir auch etwas mehr über die Jahreszeit, in der das Prokjekt in Gedanken gebildet wurde. Denn es werden zwei Titel kolportiert, die das Heft hätte tragen sollen: "Devot" (so hieß zumindest eine im Sommer 1979 produzierte Probenummer) und "Die Sonne". Man kann sich vorstellen, welcher Name vor dem Kamin und welcher im Garten erdacht worden ist.

          Größenwahnsinniger Untertitel

          Schließlich lief das Heft mit der Novemberausgabe 1979 vom Stapel und trug fortan den Namen "Titanic" und den größenwahnsinnigen Untertitel "Das endgültige Satiremagazin". Immerhin darf diese Behauptung nach den Popperschen Kriterien bislang für wahr gelten, denn "Titanic" läuft immer noch. Gerade erschien das dreihundertste Heft, da steht mit Nummer 301 der 25. Geburtstag an. Zauber der Mathematik, natürliche Überlegenheit des Duodezimalsystems - obwohl dann letztes Jahr der große Feiertag hätte folgen müssen.

          Die an diesem Freitag erscheinende neue Ausgabe ist jedenfalls die große Jubiläumsnummer, was bei "Titanic" nicht viel heißen muß, denn sie hat es vermocht, etliche der Gründer auf Dauer an sich zu binden, so daß jedes Heft auch Reminiszenz an gestern gewesen ist. Daß das nicht allen Autoren gut bekommen ist, wird keinen verwundern; für die Zeichner dagegen kann man sich kaum Besseres vorstellen als ein Magazin, das ihnen über ein Vierteljahrhundert Narrenfreiheit beschert hat.

          Hoffentlich gibt's kein Déjà-vu: das Titelbild vom Dezember 2000

          Ein treues Blatt

          Hilke Raddatz bestückt von Beginn an mit ihren Vignetten die "Briefe an die Leser", die das Heft eröffnen. Chlodwig Poth publizierte hier bis zu seinem Tod "Last Exit Sossenheim", Bernd Pfarr gleichsam bis zum Hinscheiden siebzehn Jahre "Sondermann" und F. K. Waechter, dem noch ein langes Leben gewünscht sei, bis 1992 dreizehn Jahre lang "Das stille Blatt". Die drei Serien sind Klassiker. Und Pfarr und Poth stehen weiterhin in der Liste ständiger Mitarbeiter. Treu ist das Blatt, daran besteht kein Zweifel.

          Allerdings auch eifersüchtig. Scharf wacht das Magazin über seinen satirischen Alleinvertretungsanspruch. Kaum wurde "Pardon" in diesem Jahr wiederbelebt, da warb "Titanic" Zeichnungen von Waechter fürs Blatt ein, denn auf wen hätte sich die unerwünschte Konkurrenz eher berufen können als auf den Mann, der das berühmte höfliche Teufelchen ersonnen hat, das auch die neue "Pardon" ziert? Und der kontinuierliche Redaktionswechsel, den die "Titanic" allein schon deshalb durchführen muß, weil aus Talenten Erfolgsautoren oder -zeichner werden, die mit Büchern oder bei anderen Blättern mehr Geld verdienen können, ist auch nicht ganz ohne Reibungen vor sich gegangen.

          Glück, Glanz, Ruhm

          Hans Traxler etwa ließ sich mehr als anderthalb Jahrzehnte Zeit, ehe er in diesem Jahr wieder einmal eine Redaktionssitzung besuchte - und danach wußte er, warum. Dennoch ist von den Besatzungsmitgliedern der "Titanic", die sich vor fünfundzwanzig Jahren zum ersten Gruppenbild versammelten, heute neben Hilke Raddatz auch noch Bernd Eilert regelmäßig im Heft vertreten, allerdings dann meist unter dem Kollektivpseudonym Hans Mentz, das für die monatliche Humorkritik verantwortlich zeichnet. Und neuerdings tritt wieder vermehrt Eckhard Henscheid auf. Das sind Namen, die man auch vor der Gründung von "Titanic" schon kannte. Gehen wir aber ins historische Mitarbeiterregister zum Buchstaben G. Dort treffen wir auf Namen wie Max Goldt, Greser & Lenz oder Thomas Gsella, die erst durch "Titanic" zu Glück, Glanz, Ruhm geführt wurden.

          Und darauf hofft jede neue Satirikergeneration, die in der Frankfurter Sophienstraße an Bord geht. Die gegenwärtige neunköpfige Crew hält Kurs und hat doch auch neue Komikkontinente entdeckt. So hat Chefredakteur Martin Sonneborn das Telefoninterview zur satirischen Stichwaffe zugeschliffen, und die dreiseitige Rubrik "Partner Titanic" zeigt, daß man auch heute noch mit purem Nonsens glanzvoll reüssieren kann. Das Gerede vom Niedergang der Satire ist jedenfalls Phrase.

          Aber Gefahr droht von anderswo. Kann ein Narrenschiff sich noch weiter über Wasser halten, wenn etwa in der "Bild"-Zeitung vom vergangenen Dienstag ein Artikel so überschrieben ist: "Feng Shui soll Hitlers bösen Geist vertreiben"? Das Bedrohliche an Satire ist, daß der größere Teil nicht als solche kenntlich gemacht ist und unbewußt produziert wird. Diesen Eisberg zu umschiffen wird der "Titanic" einige Steuerkünste abverlangen.

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