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„24“ geht weiter : Rechtsstaat war gestern

Immer weiter hinein ins Dunkel: Kiefer Sutherland als Jack Bauer Bild: © 2005 Twentieth Century Fox Fil

So schlimm war's - wie immer - noch nie. Jack Bauer, der Scharfrichter des Guten, urteilt wieder: Die Serie „24“ wird in ihrer vierten Staffel, die heute abend beginnt, zum Absturzfest.

          Wenn's im Gebälk der bürgerlichen Gesellschaft knarzt und sich die Pfosten biegen, behandelt sie ihre Sicherheitssachwalter wie das Warenhaus zu Stoßzeiten sein Verkaufspersonal: gestern Käsetheke, heute Wurstabteilung, überall wird eilig abgerechnet und die Arbeit deftig unterbezahlt, denn es winkt der große Reibach respektive Umsturz. Der vierte Tag im Leben von Jack Bauer (Kiefer Sutherland), bei dem die Serie „24“ ihn begleitet, führt ihn im Handumdrehen von Käse nach Wurst und danach hoffentlich weiter in den Getränkemarkt.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          So schlimm war's - wie immer - noch nie. Der Tag fängt um sieben Uhr morgens an, Jack ist ausgeschlafen, Angestellter des Verteidigungsministeriums, von der Heroinabhängigkeit genesen, frisch verliebt, gut rasiert und auf dem Weg nach oben. Mehrfach wechselt er in den darauffolgenden vierundzwanzig Stunden den Posten, die Lohngruppe, den Geisteszustand und die politische Einstellung. Am Schluß hat das genau diejenigen persönlich und beruflich verheerenden Konsequenzen, von denen sich Fans der Show schon seit mindestens drei Jahren fragen, wann sie Jack denn nun endgültig einholen und zermalmen werden.

          Bittersüße Affäre

          Es fängt eher schleppend, augenblicksweise sogar konfus und verbaselt an: Ist das tatsächlich ernst gemeint, diese bittersüße Affäre zwischen unserem Freund und der Tochter des Verteidigungsministers (Kim Raver), die aussieht wie die kleine Schwester von Sheryl Crow und daherredet wie Sandra Maischberger? Sollen wir die ätzende Karikatur eines regimekritischen amerikanischen Friedensaktivisten, zufällig zugleich Sohn des besagten Verteidigungsministers, etwa witzig finden? Und wirkt es nicht lächerlich - also fatal für eine Serie, die sonst durch verbissenen Ernst der allgemeinen, albern postmodernen Ironieanfälligkeit des Fernsehens in vorbildlicher Weise trotzt -, wenn der mindestens sechzigjährige Rumsfeld-Platzhalter in die Action eingreift, als wäre sein durch Geiselhaft erschöpfter staatsmännischer Körper eine Killermaschine von Rambo-Format?

          Ein Guter arbeitet mit den Methoden des Bösen

          Was zu fürchten war, scheint sich zu bestätigen: Nach vier Jahren innovativster Thriller-Bestleistungen läßt „24“ jetzt nach, zumal auch die dramaturgische Finte, jede massenmörderische Fürchterlichkeit bloß als Ablenkungsmanöver für etwas noch viel Fürchterlicheres auf die Zuschauer loszulassen, ihre tragende Funktion als Überraschungsgenerator eingebüßt hat - aha, der Plan, Kontinente mittels unterirdisch ausgelöster Erdbeben gegeneinanderkrachen zu lassen, war also nur ein Beschäftigungsangebot an die Staatsschützer, während in Wirklichkeit gleichzeitig das Meer abgesaugt, der Mond auf die Erde geschleudert und ein kinderfressendes Säurevirus per fokussiertem Monsunregen auf Amerikas Spielplätze geschüttet werden soll. Also diese Terroristen, was denen aber auch immer einfällt!

          Kalt erwischt

          Wer so denkt und dem eigenen Interesse beim Erlahmen zuguckt, während die islamistische Schläfer-Familie Araz sich und andere dezimiert, der überzeugend unheimliche Chef-Beknackte Habib Marwan (Sonderpunkte für die verbrecherischste Visage seit Pol Pot: Arnold Vosloo) harmlose alte Frauen ins Jenseits befördert und die Regierung langsam vor sich hin zerbröselt, der wird vom letzten Drittel der vierten „24“-Staffel kalt erwischt.

          Denn da erlebt man einen destruktiven Ruck ins Hoffnungslose mit allen Schikanen; eine nihilistische Eigentorparade, die Verfassungsgarantien in Grund und Boden stampft; ein Absturzfest, das Hollywoods Filmproduzenten zum Herzdoktor treiben würde.

          Gefoltert, zum Beispiel, wurde ja in „24“ schon immer. Jetzt aber bedienen sich alle Seiten im Endkampf dieses Mittels immer wahlloser: Wenn einem gar nichts mehr einfällt, Strom an. Fremde Konsulate, immerhin Territorien anderer Staaten, werden wie nebenbei überfallen. Der gesetzliche Oberbefehlshaber der Streitkräfte ist ein charakterloser Vollidiot. Die Entscheidungen, die der Held treffen muß, spielen sich zwischen so anheimelnden Alternativen ab wie „Nuklearkatastrophe im Inland oder Krieg mit einer Großmacht“, „den Freund sterben lassen oder die einzige Spur preisgeben“, „Weltuntergang oder Landesverrat“. Und der letzte moralische Anker in diesem Meer des Irrtums, Ex-Präsident David Palmer (Dennis Haysbert), begeht als Krisenberater diesmal, damit wir auch wirklich kapieren, was die Stunde geschlagen hat, mit voller Absicht genau die Verschleierungsuntaten, gegen die er sich in den letzten Staffeln mit Jack Bauers und Gottes Hilfe behauptet hat.

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