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20 Jahre Lola rennt : Grüße aus dem Lolaland

Rennt seit zwanzig Jahren: Franka Potente als Lola. Bild: Picture-Alliance/Sony Pictures/Courtesy Everett

Der Kinostart von „Lola rennt“ setzte vor 20 Jahren neue Maßstäbe im deutschen Film. Unser Autor hat ihn sich noch einmal angesehen und fragt sich: Wäre der Film heute noch möglich?

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          Tom Tykwers Kinofilm „Lola rennt“ erzählt, unter anderem, von der Zeit, und wenn es noch eines Beweises dafür bedurft hätte, wie wahnwitzig schnell diese verrinnt, dann wäre er damit geliefert, dass der Kinostart des Films in diesem August zwanzig Jahre her ist. „Lola rennt“ sei der Film, „von dem das deutsche Kino all die Jahre geträumt hat“, schwärmte damals der Kritiker Michael Althen; er sei „ganz auf der Höhe seiner Zeit und braucht den Vergleich mit nichts und niemandem zu scheuen“. Bis heute gilt er als Meilenstein, der nicht nur den deutschen Film, sondern auch seinen Schauplatz Berlin zurück ins kinematographische Bewusstsein katapultiert hat. Viele wollten seinerzeit so sein wie die von Franka Potente gespielte Lola oder wollten zumindest irgendwann einmal nach Berlin. Doch auch fern der deutschen Hauptstadt sah man immer mehr junge Frauen mit flammend rot gefärbtem Haar durch die Straßen streifen.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dieser Frisur, „Lola red“ genannt, begegnet man heute nicht mehr häufig, und alles andere wäre nach zwanzig Jahren auch nicht normal. Wie aber sieht es mit dem Film selbst aus, wie stark ist er gealtert? Ist „Lola rennt“ auch noch auf der Höhe unserer Zeit? Machen wir uns an eine kleine Inspektion.

          Tom Tykwer erzählt in dem Film eine im Grunde ganz einfache Geschichte: Die junge Lola muss ihrem kleinkriminellen Freund Manni aus der Klemme helfen, der völlig aufgelöst bei ihr anruft. Manni sollte einen Beutel mit 100 000 Mark, Gewinn aus einem krummen Geschäft, dem Oberboss Ronnie übergeben; weil Lola, deren Moped just geklaut wurde, ihn nicht abholen konnte, nahm er die U-Bahn und ließ dort, irritiert durch einen Obdachlosen und zwei Kontrolleure, den wertvollen Beutel liegen. Nun hat er noch 20 Minuten, bis Ronnie sein Geld will – und, als letzte Hoffnung, Lola. Ohne zu wissen, was genau sie tun wird, rennt sie los. Und zwar, das ist der Clou der Geschichte, insgesamt dreimal, weil Tykwer als Kinogott sie zweimal zurück auf Los schickt. Kleinste, zufällige Abweichungen führen dabei zu größten Veränderungen – für das Schicksal Mannis und Lolas und jener Menschen, deren Lebensweg Lola auf ihrer Hatz durch Berlin flüchtig kreuzt.

          Lola als authentische moderne Frauenfigur

          Mit seinem visuellen und erzählerischen Einfallsreichtum hat der Film Maßstäbe gesetzt, vieles davon wirkt auch heute noch originell, und seine Dynamik ist nach wie vor mitreißend. Seine Titelheldin wiederum ist, im Wortsinn, eine Vorläuferin moderner Frauenfiguren, die eigensinnig, entschlossen und emotional stärker sind als die Männer, ohne zur überlebensgroßen Superheldin zu mutieren. Lolas Dauerlauf wirkt gerade deshalb so dramatisch, weil hier keine „Fit for Fun“-Jüngerin ihren athletischen Körper in angesagten Sneakers vorantreibt, sondern eine normal gebaute Frau in schweren Doc Martens unterwegs ist. Wie fern diese Lola vom Selbstoptimierungswahn unserer Tage ist, erkennt man auch daran, dass sie raucht – ihr Moped wird ihr in dem Moment geklaut, als sie Kippen kauft.

          Passgenau zwischen Tradition und Moderne hat Tykwer seine Protagonistin auch dank der Namensgebung verortet. Lola hieß eben nicht nur Marlene Dietrich im „Blauen Engel“, es ist auch einer jener wohlklingenden L-Namen, die heute gefühlt die Hälfte aller Mädchen trägt – Lilli, Lara, Leonie, Lena. Ganz anders sieht es bei Lolas Freund aus: Welcher junge Mann hieß denn 1998 noch Manfred? Da meint man noch etwas vom unseligen Geist der „Manta“- Komödien aus den frühen Neunzigern zu spüren, in denen freilich überraschenderweise, wir haben das noch mal gecheckt, gar kein Charakter Manni hieß.

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