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20 Jahre „Lindenstraße“ : So wäre das Leben

  • Aktualisiert am

„Aktuell und anspruchsvoll”: Ludwig Haas über die „Lindenstraße” Bild: picture-alliance / dpa

Eine echte Familie sind wir geworden: Wie man es zwanzig Jahre lang in der „Lindenstraße“ aushält. Ein Interview mit Ludwig Haas, der als Dr. Drechsler schon Mörder und Samariter war.

          3 Min.

          Am Sonntag wird die „Lindenstraße“ zwanzig Jahre alt. Von Beginn an dabei war der Schauspieler Ludwig Haas in der Rolle des Dr. Dressler, er führt die medizinische Abteilung in Deutschlands ältester und beliebtester Seifenoper. Im Gespräch erzählt der zweiundsiebzigjährige Schleswig-Holsteiner, warum er so lange dabei ist und wie es wäre, wenn ihn der Regisseur Hans W. Geißendörfer aus der Serie schriebe. (F.A.Z.)

          Wann haben Sie zum ersten Mal gedacht, vielleicht nie mehr aus der „Lindenstraße“ rauszukommen?

          Ach, irgendwie habe ich eigentlich ständig damit rechnen müssen. Immer dann nämlich, wenn ein Vertrag auslief. Das hätte also jederzeit passieren können, deshalb hätte es mich auch nie überrascht.

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          Sind ihre Verträge so kurz?

          Nein, nein. Mittlerweile sind es Dreijahresverträge.

          Der Ausstieg wäre schwergefallen.

          Sicher, und ich kann es mir auch jetzt nur schwer vorstellen, zumal ich in einer qualitativ so hochwertigen Serie mitspiele.

          Wie erklären Sie sich die Faszination der „Lindenstraße“?

          Ich glaube, es ist anspruchsvolle Unterhaltung, bei der die Zuschauer das Gefühl haben, durch eine Art Schlüsselloch in die Wohnzimmer der Nation gucken zu können. Und das in einer unglaublichen Aktualität. Dadurch hat die „Lindenstraße“ sehr viel bewegt. Die Einstellung zur Homosexualität etwa oder zu Minderheiten. Der Regisseur Hans W. Geißendörfer hat eine feine Nase für die Schwingungen der Zeit, und die vielen Autoren stellen sich darauf gut ein.

          Gibt die Serie Anstöße, oder gibt sie bestehende Strömungen nur wieder?

          Die „Lindenstraße“ gibt auf jeden Fall Anschübe für öffentliche Diskussionen. Es wurden ja bereits Doktorarbeiten darüber geschrieben, sehr beachtlich für eine reine Unterhaltungsserie.

          Mehr ist sie nicht?

          Sie ist auch eine Kultserie, und sie bewegt sich an der Grenze zur gesellschaftlichen Analyse. Außerdem ist sie äußerst professionell gemacht. Zu Beginn war das nicht so, technisch war sie weniger ausgereift, nicht so versiert, es gab Probleme mit mehreren Kameraeinstellungen. Jetzt hat das manchmal fast Hollywoodqualitäten.

          Ist sie so besser als vergleichbare Serien?

          Ich urteile nicht gern über andere Sendungen. Ich gucke sie aber zuweilen - etwa „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, „Marienhof“, „Unter uns“, aber nicht regelmäßig, dafür fehlt mir die Zeit. Insofern hebt sich die „Lindenstraße“ natürlich schon ab, weil sie eben nur einmal die Woche stattfindet und nicht jeden Tag. Das ist für die Kollegen eine unheimlich harte Arbeit.

          In Ihrer Rolle waren Sie Mörder, Opfer, Witwer, geschieden, Mann einer viel Jüngeren, Vater eines Junkies und eines Schwulen, Autor, Arzt, Bösewicht, Samariter - bißchen viel für ein Leben.

          Nur, wenn man es mit dem Leben vergleicht, aber nicht für eine derartige Serie. Wenn man den Alltag so zeigen würde, wie er normalerweise ist, wäre das sterbenslangweilig. Es ist die Aufgabe der Autoren, das zu komprimieren, zu verdichten, interessant zu machen.

          Ohne die Charaktere zu überfrachten.

          Finden Sie es überfrachtet? Ich nicht. Das Denken der Menschen wird jetzt schneller, die Sehgewohnheiten auch, da muß man mit der Zeit gehen.

          Schleicht sich Dr. Dressler gelegentlich in den Alltag von Ludwig Haas ein?

          Eigentlich nicht. Ich bereite mich sehr intensiv auf die Rolle vor, versuche mich in sie reinzudenken, aber nach der Arbeit gehe ich nach Hause und habe im Prinzip nichts mehr mit Dr. Dressler zu tun.

          Doch steckt etwas von Ihnen im Doktor.

          Das stimmt. In einer solchen Serie kann man sich nicht einfach so verstellen wie für einen einzelnen Film; da muß man eigene Gefühle, sein Inneres einbringen, obwohl es sich nicht mit der Rolle deckt.

          Fällt es dem Publikum nach 20 Jahren nicht schwer, in anderen Rollen nicht ständig den Dressler zu suchen?

          Wissen Sie, ich bin ein alter Theaterschauspieler. Da ist man es so sehr gewohnt, wenn sie Repertoire spielen, jeden Abend in eine andere Haut zu schlüpfen. Es gibt aber auch Schauspieler, die immer sich selbst spielen. Das bin ich nicht.

          Was machen Sie nebenher?

          Ich habe einen Exklusivvertrag mit der „Lindenstraße“, habe aber auch viel im Ausland gedreht, auch in den USA. Das gibt mir immer wieder Kraft für die Arbeit an der „Lindenstraße“.

          Sie haben mehrfach Adolf Hitler gespielt.

          Sechs Mal, das stimmt.

          Liegt das nur am Äußeren?

          Womöglich, aber ich sehe ja Gott sei Dank nicht genauso aus wie er.

          Was würden Sie sagen, wenn der Regisseur Sie plötzlich sterben ließe?

          Schwer zu sagen. Es ist immer schwierig, wenn jemand sagt: Du stirbst in zwei Monaten - auch im wirklichen Leben. Ich wäre sicher traurig, weil ich sehr in dieser familiären Gemeinschaft drinhänge. Aber so wäre eben das Leben.

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