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Kino : Reichst Du der Yakuza den kleinen Finger, dann ist er ab

  • -Aktualisiert am

Gefährliche Verführung: Eihi Shiina in „Audition” Bild: rapideyemovies

Japanische Filme sind hierzulande eher selten zu sehen. Im Moment laufen gleich drei auf einmal in den deutschen Kinos. „Brother“ von Takeshi Kitano sowie „Dead or Alive“ und „Audition“ von Takashi Miike. Ein Blick auf das japanische Kinowunder.

          Deutschland wartet noch drauf, Japan hat es schon: sein Kinowunder. Seit dieser Woche sind hierzulande gleich drei aktuelle japanische Filme gleichzeitig zu sehen. „Brother“ von Takeshi Kitano, „Dead or Alive“ von Takashi Miike und von demselben Regisseur „Audition“. Grund genug, sich das japanische Kinowunder genauer anzusehen. An einem Thema kommt man dann nicht vorbei: der Yakuza, der japanischen Mafia.

          In den Gangsterfamilien der japanischen Yakuza kostet mangelnde Loyalität den kleinen Finger. Das grausame Ritual ist in Takeshi Kitanos neuem Film "Brother" mehrmals anschaulich zu sehen, und besonders drastisch ist diese Strafe dann, wenn der Schuldige sie an sich selbst zu vollziehen hat. Entsprechend endgültig sind die Beziehungen, die Yakuzas miteinander eingehen, endgültig wie auch die Tätowierungen, die alle organisierten japanischen Gangster auf dem Rücken tragen.

          Und wenn diese Organisationen dem Anspruch nach auch geheim sind, so sind ihre Geschäfte doch Gegenstand beständigen Interesses der japanischen Gesellschaft, und die Filmindustrie nährt dieses Interesse nach Kräften. Kein anderes Thema ist in Japan ähnlich populär wie die Yakuzas, die zu Unrecht totgesagte japanische „Mafia“. Nahezu jeder jüngere Filmemacher dreht einmal in seiner Karriere eine Geschichte aus dem Gangster-Milieu.

          Tragikomische Zugänge oder melancholische gibt es genauso wie kritische. Der inzwischen eines natürlichen Todes gestorbene Juzo Itami zeichnete mehrfach ein Bild, das die Yakuza als allzu realistisch empfand. Der Regisseur wurde Opfer eines Attentats, dessen Umstände nie genau geklärt werden konnten.

          Im Falle von Takeshi Kitano, der als "Beat" Takeshi in der Rolle von Polizisten wenig Unterschied zu der Gewaltbereitschaft seiner Gangsterfiguren erkennen läßt, ist die Yakuza-Idee inzwischen zu einem philosophischen Prinzip geworden, dessen Inhalt er erforscht und dessen Grenzen er immer deutlicher erkennt. Sein Film "Brother" spielt mit der Idee des Organigramms einer derartigen Verbrecherorganisation.

          "Beat" Takeshi als Aniki, der in die USA flüchten muss, wird durch seine umstandslose Gewaltbereitschaft zum Katalysator wilder Bandenkriege. Zugleich zeichnet Kitano beinahe eine Karikatur des japanischen Ehrbegriffs, der den sizilianischen noch übertrifft. Während in Japan die Mitglieder wegen kleiner Unachtsamkeiten oder protokollarischen Fehlleistungen die Selbstentleibung wählen, beruht jedoch Anikis Tod auf einem grotesken kulturellen Missverständnis. Er hat einfach zu viele Western gesehen.

          Takashi Miikes "Dead or Alive" zeigt dagegen, wie jüngere Filmemacher das Genre des Yakuza-Films benutzen, um politische Inhalte zu vermitteln. Zwar hat auch "Dead or Alive" seine fulminanten, formverliebten Szenen, aber über weite Strecken interessiert sich Takashi Miike eher für die ethnischen Spannungen. Es sind Festlandchinesen, die in einem japanischen Vergnügungsviertel "ein großes Ding aufziehen".

          Dagegen sind die Traditionalisten und auch die Polizei wehrlos, sie begegnen den Machenschaften der chinesischen Mafia mit einer Melancholie, die sich zuletzt in einem grotesken Showdown entlädt. Takashi Miike gehört, wie auch Shinyi Aoyama, der mit seinem überragenden Epos Eureka im vergangenen Jahr in Cannes ausgezeichnet wurde, zu einer Generation, die im Genrekino groß geworden ist und sich langsam zu eigenen Formen emanzipiert.

          Um diesen hochinteressanten Prozess zu beobachten, ist man auf den weitläufig diversifizierten Video- und zunehmend auf den DVD-Markt angewiesen, denn auf dem deutschen Filmverleihmarkt spielt Japan - von den aktuellen Ausnahmen abgesehen - kaum eine Rolle.

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