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Kino : Orion reloaded

  • -Aktualisiert am

Der Kult um die Serie "Raumpatrouille" ist ungebrochen - am meisten verblüfft das die Darsteller von damals. Ein Kinofilm soll nun die Fangemeinde noch vergrößern.

          3 Min.

          Zwei Kameras sind auf Eva Pflug gerichtet. Fragen wie Kanonenschüsse. Hatten Sie damals echtes Haar? Haben die Anzüge gekratzt? Was war mit Dietmar Schönherr? Eva Pflug seufzt vor jeder Antwort kurz. Dann zeigt sie doch ein Lächeln, aber keins, das die Augen erreicht. Sie redet ein bißchen, aber es wird kein Redefluß. Ein Regisseur hätte jetzt gerufen: "Aus! So geht das nicht! Noch mal!" Aber Eva Pflug muß diesmal keine Rolle spielen, sie muß nur erzählen, von sich, von der Vergangenheit und von der Zukunft, wie man sie sich damals vorgestellt hat. Alles ohne Textbuch.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Im Frühjahr 1965 war die Welt noch überschaubar. Schwarz und Weiß wie das Fernsehen. Im Vorabendprogramm lief "Der Forellenhof", abends der "Blaue Bock". Die Mondlandung stand noch bevor, Science-fiction kannte man nur aus Heftchenromanen. Es war also ein Wagnis, was in jenem Frühjahr in den Bavaria-Studios am Geiselgasteig gedreht wurde. Sieben Folgen Zukunft. "Raumpatrouille Orion". Die erste Folge wurde am 17. September 1966 in der ARD gesendet. Die "B.Z." schrieb damals: "Pseudowissenschaftlicher Quatsch. Hingezogen wie ungenießbarer Kaugummi." Die Zuschauer sahen das anders, und sie sahen es zahlreich: 44 Prozent schalteten den Fernseher ein, wenn Commander McLane sein Raumschiff in die Umlaufbahn schickte.

          Karikatur einer KGB-Agentin

          Das ist mehr als 35 Jahre her, aber der Kult um die Fernsehserie ist ungebrochen. Fanclubs, Internetforen und Diplomarbeiten beschäftigen sich mit dem Phänomen, die Musik von Komponist Peter Thomas wird auf Partys gespielt, in Köln gibt es ein echtes "Orion"-Museum. Jetzt soll ein seit Donnerstag laufender Kinofilm, zusammengeschnitten aus dem alten Material, die Fangemeinde vergrößern. Eva Pflug war 35 Jahre alt, als sie Leutnant Tamara Jagellovsk spielte - eine Agentin des Galaktischen Sicherheitsdienstes. Sie war damals bereits auf die "kühle Blonde mit den eisgrünen Augen" abonniert, nachdem sie eine Polizistin in einem Krimi dargestellt hatte. "Ich hatte meine Karriere als eine Frau begonnen, die sophisticated und emanzipiert war." In der "Raumpatrouille" wurde eine Figur gesucht, die aussah wie eine Frau, aber agierte wie ein Mann, die Karikatur einer KGB-Agentin. Pflug hatte die richtigen Eigenschaften: eine tiefe Stimme und einen Augenaufschlag, der ihrem Gegenüber die Sprache verschlug.

          Vier Monate wurde in der Halle 1 der Bavaria-Studios gedreht. Dort hatte man das Innere des Raumschiffs aufgebaut. 3,4 Millionen Mark kostete die Produktion. 30 Leute waren ausschließlich mit den Filmtricks beschäftigt. Die Darsteller selbst entdeckten erst während der Dreharbeiten, mit welchen Gebrauchsgegenständen das Raumschiff ausgestattet war. Commander McLane navigierte das Raumschiff mit Bleistiftspitzern, Duschbrausen dienten als Mikrophone, und fremde Planeten bestanden aus Reis und Kaffeebohnen. Legendär bis heute ist das blinkende Bügeleisen auf dem Schalttisch.

          "Wir haben das alles von Anfang nicht ganz ernst gemeint."

          Wenig später wurde die Grundausstattung der Kommandozentrale von den Machern der amerikanischen Fernsehserie "Enterprise" kopiert - freilich weniger einfallsreich im Detail. Ursprünglich wollte man auch zu Außenaufnahmen nach Island fahren, um eine Kulisse für das Leben außerhalb des Raumschiffs zu haben, aber als das Geld immer knapper wurde, drehte man in einem Braunkohlenbergwerk in Peißenberg vor den Toren Münchens. "Normalerweise sucht man sich seine Kulissen aus dem Fundus zusammen, wir mußten alles neu erfinden", erzählt Theo Mezger, einer der beiden Regisseure. In Kunsthochschulen wurden futuristische Möbel und Raumanzüge, die an die Stiefel angenäht waren, entworfen. Das Bügeleisen ist als frühe Form des Sponsorings zu sehen - es war als Dankeschön an die Firma Siemens zu verstehen, die das Filmteam bei den Tonaufnahmen unterstützt hatte. Die Ironie, die auch hinter der Ausstattung steckte, werde heute nicht immer gesehen, klagt Mezger. "Wir haben das alles von Anfang nicht ganz ernst gemeint."

          Die Menschen damals um so mehr. Kinder begannen an außerterrestrisches Leben zu glauben, und junge Frauen imitierten das Aussehen von Leutnant Tamara Jagellovsk. "Ich bekam damals viele Zuschriften. Meistens von Mädchen, die so sein wollten wie die Tamara, die Männern Paroli bot. Ich war wohl die erste wirkliche Emanze", erzählt Eva Pflug. Junge Frauen versuchten damals, ihre Frisur nachzuahmen. "Das gelang aber niemandem. Ich trug eine Perücke, mit normalen Haaren hätte man diese toupierte Frisur gar nicht machen können." Nach den Dreharbeiten gingen alle ihrer Wege. Dietmar Schönherr heiratete kurz danach Vivi Bach und begann eine zweite Karriere als Talkmaster. Wolfgang Völz wurde Butler in der Serie "Graf Yoster gibt sich die Ehre". Eva Pflug spielte Theater, ihr Agent hatte ihr geraten, erst mal nicht mehr im Fernsehen aufzutreten. "Die Rolle hat mir nicht gutgetan. Die Männer haben sich damals bedroht gefühlt." Und doch ist sie nie von der Rolle losgekommen: "Ich habe so viel gemacht im Fernsehen, gesungen, Komödien gedreht, in Krimis gespielt. Davon ist aber nie die Rede. Geblieben ist nur die ,Orion'."

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