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Kino : Multikulturalismus: Kulinarische Klischees oder hybride Mischformen

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Feridun Zaimoglu, Autor des Drehbuchs zum Film „Kanak Attack“, spricht über die Klischee-Vorstellungen, mit denen er als türkischstämmiger Schriftsteller konfrontiert wird.

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          Feridun Zaimoglu, Autor des Drehbuchs zum Film „Kanak Attack“, spricht über die Klischee-Vorstellungen, mit denen er als türkischstämmiger Schriftsteller konfrontiert wird.

          Ihr Buch "Abschaum" kommt als "Kanak Attack" in die Kinos. Wie haben Sie und der Regisseur Lars Becker es geschafft, dabei die Klischee-Fallen eines Actionfilms im Ausländer- und Rotlichtmilieu zu vermeiden?

          Für uns war in der künstlerischen Arbeit klar, dass wir keine Getto-Kulissen hin- und herschieben, dass wir nicht den Migranten vorstellen, der jetzt ausflippt, weil sein Sozialarbeiter scheiße ist und seine Eltern ihm nicht so viel Taschengeld geben. Wir wollten keinen Banlieue-Banditen zeigen, der durch die böse Gesellschaft zu dem wird, was er ist. Auch keinen Türken-Kriminellen, der Kulturkreis-Phänomene zeigt. Wir hatten "Abschaum" als eine Art Steinbruch, an dem wir uns bedient haben. Und wir wussten, dass wir keinen politisch korrekten Dokumentarfilm liefern wollten.

          Im Film könnte die Sprache, die sie verwenden, als milieuspezifisch durchgehen. Was bleibt vom literarischen Konzept des Buches?

          Ich glaube: wenig. "Abschaum" ragt wie ein steiler Zahn aus meinen anderen Publikationen hervor. In "Kanak Sprak" habe ich das Sprachmaterial ja literarisch stilisiert, in "Koppstoff" genauso. Und "Liebesmale, scharlachrot" ist ein Roman, ist Fiktion, lebt von vielen Sprachebenen. Verbindlich ist dieses babylonische Stimmengewirr. Nur "Abschaum" ist reduziert auf wirklich ganz einfache Sprachmuster. Ertan Ongun redet, wie die vielen Deals ihn formen. Da reduziert der Film nicht unbedingt so viel. Außerdem sollte keine Literaturstudie angeboten werden, sondern Film. Die Sprachmächtigkeit der Vorlage geht da zum Teil baden.

          In welchem Verhältnis stehen Sie selbst zu den Rändern der Gesellschaft, aus denen Sie Ihren Stoff beziehen?

          Man soll nicht so fein tun, wie die Edel-Migranten, die vor allem mit dem Wissensvorsprung zu der ersten Generation prahlen. Ich lebe seit 32 Jahren in Deutschland und bin natürlich auch aus diesen Verhältnissen gekommen. Ich halte aber nichts von öder Realitätsanbindung. Es bleibt eine Ermessensentscheidung, welche Brocken man aus dieser Herkunftshefe herauskneten möchte. Und es ist natürlich immer die Übersetzung der eigenen Biografie wie der Verhältnisse in den einzelnen Szenen. Immer noch - sonst würde ich versiegen, sonst könnte ich nicht schreiben - ist es so, dass ich immer wieder mit diesen Szenen zu tun habe. Ich ziehe mich nicht einfach zurück und versuche in meiner Stube große Würfe zu machen. Wenn ich nur auf das Authentische zielte, würde mich die Masche einholen. Und darauf habe ich keine Lust. Dafür bin ich zu neugierig.

          Die Authentizitätserwartung, die immer erhoben wird, ist doch ohnehin problematisch angesichts der Hybridkultur, aus der Sie schöpfen.

          In einer Buchkritik von "Liebesmale, scharlachrot" wurde, um es in meinen Worten zu sagen, die Frage gestellt: "Ja, Herr Zaimoglu, wo bleibt denn der Migrant?" Man kann doch nicht von einem ausländisch-stämmigen deutschen Autor erwarten, dass er in jedem Buch den Migranten thematisiert. Aber jetzt komme ich mal mit einem Schelmenroman, mit einem Unterhaltungsroman, und einige Leute fühlen sich da völlig gestört in ihrem Erwartungen. Ich habe nie versucht, neue Funken aus einem klischeestrotzenden Subgenre zu schlagen, Stichwort Migrantenliteratur. Unter "authentisch" versteht man, glaube ich, in diesem unserem Land mehr so ein statisches Bild. "Der Ausländer an und für sich", sagen aufgeklärte Zeitgenossen heute, "das ist der hybride Türke". Aber "Hybridität" leider nicht im angelsächsischen Sinne, sondern: Wir haben hier diesen Anteil und jenen Anteil, und - ach ja - noch diesen Anteil, und die werden dann einfach so in Reih und Glied aufgestellt. Und man kommt nicht auf die Idee, dass man diese Anteile mischen kann, und dass eins und eins auch mal drei sein kann.

          Das Gespräch führte Fridtjof Küchemann

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