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Kino : Mein heimliches Jerusalem

Die Maske verbirgt Schreckliches - Szene aus „Königreich der Himmel” Bild: Fox

Der Weg der Schwerter durch Eisen und Gebein: Ridley Scotts Kreuzfahrerfilm erzählt vom "Königreich der Himmel".

          Irgendwann, wenn es mit dem Kino zu Ende geht, wird man seine wichtigsten Bilder in Sammelbände pressen: die wenigen wirklich unsterblichen Momente, die es produziert hat. Dann wird sich zeigen, was von den gewaltigen Projekten der vergangenen Jahrzehnte Bestand hat, den Zweihundert-Millionen-Dollar-Filmen, mit denen Hollywood jedes Jahr im Frühling und Sommer die Leinwände der Welt beglückt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Man darf bezweifeln, daß von der "Star Wars"-Hexalogie des George Lucas in dieser Sammlung letzter Hand viel übrigbleiben wird, und auch die digital aufgemotzten Sandalenfilme der jüngsten Zeit, Wolfgang Petersens "Troja" oder Oliver Stones "Alexander", haben wenig Aussicht auf die Gnade der Nachwelt. Aus Ridley Scotts "Königreich der Himmel" aber wird mindestens ein Bild überleben, ein Tableau der Macht, der Schönheit und des Todes, das man so noch nicht im Kino gesehen hat.

          Hinter der Maske ein schreckliches Geheimnis

          Es ist das Königsbild dieses Films und zugleich das Bild des Königs selbst. In schimmernder Rüstung mit blaugoldenem Umhang reitet er auf seinem Schlachtroß seinem Heer voraus, den Rittern und Edlen des Königreichs Jerusalem. Eigentlich ist nichts ungewöhnlich an dieser Einstellung, die, in der Wüste Marokkos gedreht und am Computer nachbearbeitet, die Cinemascope-Leinwand bis zum Rand mit Helmen, Pferden, Kreuzen, wehenden Fahnen, gepanzerten Armen und Beinen füllt. Nichts - außer dem Gesicht des Königs. Das Besondere an diesem Gesicht besteht darin, daß es nicht da ist. Es steckt hinter einer Maske aus Gold, deren starre Züge ein schreckliches Geheimnis hüten. Der König ist krank, er hat Lepra, er wird sterben, und sein prächtiges Heer und sein Königreich werden ihm folgen. Das alles sieht man in dieser Aufnahme, und darum ist sie unvergeßlich: als Abschiedstableau einer untergehenden Macht.

          Den leprösen König von Jerusalem hat es wirklich gegeben, er hieß Balduin der Vierte und starb 1185, gerade vierundzwanzig Jahre alt. Sein Reich, das die fränkischen Kreuzfahrer am Ende des elften Jahrhunderts gegründet hatten, überlebte ihn nur um zwei Jahre. Am 30.September 1187 wurde die Heilige Stadt von ihren Verteidigern unter Balian von Ibelin an den ägyptischen Sultan Saladin übergeben. Die Christen durften mit ihren Habseligkeiten abziehen, anders als achtundachtzig Jahre zuvor die Muslime, unter denen die frommen Eroberer aus dem Westen ein Blutbad angerichtet hatten.

          So real, wie es ein Kostümfilm sein kann

          Das sind Tatsachen. Sie stehen in Büchern. Wenn aber gut acht Jahrhunderte später ein britischer Hollywoodregisseur einen Film für hundertdreißig Millionen Dollar über Tempelritter, Sarazenen und die Belagerung von Jerusalem dreht, verwandeln sie sich in etwas anderes. Sie werden zum Spielmaterial, für die Industrie wie für den Zeitgeist. Die Industrie will spektakuläre Effekte, Profite, Zuschauerzahlen. Der Zeitgeist will griffige Formeln für das Verhältnis von Muslimen und Christen, Märchen vom Frieden statt Bilder vom Krieg. Ridley Scott, der Regisseur von "Königreich der Himmel", wie der Film bei uns heißt - der Originaltitel "Kingdom of Heaven" klingt selbst für deutsche Ohren plausibler -, hat sich bemüht, beiden Seiten das Gewünschte zu liefern, auf die Gefahr hin, daß sein Film daran zerbricht. Das geschieht schließlich auch, aber zunächst zieht sich "Kingdom of Heaven" eine ganze Weile lang sehr elegant aus der Affäre.

          Die Geschichte beginnt in Frankreich, wo Godfrey von Ibelin (die einzige gänzlich erfundene Figur des Films) nach seinem unehelichen Sohn sucht. Liam Neeson spielt den alten Baron, und damit hat der Film schon gewonnen, auch wenn das Drehbuch William Monahans einige sehr unwahrscheinliche Wendungen braucht, um den jungen Balian (Orlando Bloom) zum Kreuzfahrer und Erben von Ibelin zu machen. In Messina, wo er auf die Überfahrt nach Palästina wartet, stirbt der Alte an einer Verletzung. Es ist die erste Szene in "Kingdom of Heaven", die sich wirklich einprägt, weil sie eine mittelalterliche Idealvorstellung in Kinobilder übersetzt. Aufrecht stehend, im Büßergewand, erteilt der Sterbende seinem Sohn den Ritterschlag, bevor er in die Arme zweier Ordensbrüder sinkt. "Seid ohne Furcht im Angesicht Eurer Feinde. Seid tapfer und aufrecht. Sprecht die Wahrheit...". Daß jeder Kreuzritterfilm auch ein großes Indianerspiel ist, weil uns von der Wirklichkeit, die er zeigt, mehr als bloß die Vorliebe für Kartoffeln und fließend warmes Wasser trennt, wird in dieser Sequenz fast gleichgültig. Sie ist so real, wie es ein Kostümfilm überhaupt sein kann.

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