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Kino : Kanonfutter - All die Filme, ohne die wir nichts wären

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Vor Jahren hatte der Jury-Präsident der Berlinale ein Buch über seine Lieblingsfilme schreiben wollen - und musste merken, wie schwierig es ist, Regeln zu finden, die seine Wahl erklären. Paul Schrader über Kanon und Kino.

          Im März 2003 traf ich mich mit Walter Donohue, dem für Filmliteratur zuständigen Lektor bei Faber and Faber, und ein paar anderen Leuten in London zum Abendessen. Wir sprachen über die aktuelle Situation der Filmkritik und die allgemein geringen filmhistorischen Kenntnisse. Ich erzählte von einem früheren Assistenten, der, von mir gebeten, etwas über Montgomery Clift herauszufinden, nach wenigen Minuten wieder auftauchte und fragte: „Wo ist das?“ Irgendwo in den Hollywood Hills, antwortete ich, worauf er sich wieder seiner Suchmaschine zuwandte.

          Wir alle fanden, dass es zu viele Filme und zu viel Filmgeschichte gebe, dass die Studenten überfordert seien. „Jemand sollte eine Filmversion von Harald Blooms The Western Canon schreiben“, schlug ein Journalist vom Independent vor, „und dieser jemand“ - er sah mich fest an - „sind Sie.“ Walter Donohue erwiderte meinen fragenden Blick mit den Worten: „Wenn du es schreibst, bringe ich es heraus.“ Die Würfel waren gefallen.

          Faber schickte mir einen Vertrag, und ich machte mich an die Arbeit. Es sollte, wie mein Bloomsches Vorbild, ein elitärer, kein populärer Kanon sein, ich wollte die Latte so hoch legen, dass nur eine Handvoll es schaffen würde. Ich begann, eine Liste der wichtigsten Filme zusammenzustellen und dabei, so weit wie möglich, meine persönlichen Favoriten von solchen Filmen zu trennen, die Filmgeschichte gemacht haben. Die Zusammenstellung war leicht - doch dann stand ich vor dem ersten Dilemma: warum genau diese Filme? Was waren meine Kriterien?

          Angekommen in Berlin-Tegel: Schrader mit Berlinale-Chef Kosslick (l.) und Schauspieler Jeff Goldblum

          Was ist ein Kanon? Ein Kanon gründet definitionsgemäß auf Kriterien, die über allgemeine und persönliche Geschmacksvorstellungen hinausweisen. Je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde mir, wie wenig ich wusste. Wie konnte ich ohne Kenntnisse der Geschichte des Kanons einen Filmkanon formulieren?

          Also: wieder zur Schule gehen. Nach dem Vorbild von David Denby, dem damaligen Kritiker des New York Magazine, schrieb ich mich als Gasthörer an der Columbia University ein (an der ich gelehrt hatte). Zwischen 2004 und 2005 belegte ich zwei Seminare - Geschichte der Ästhetik bei Lydia Goehr und Geschichte der Filmästhetik bei James Schamus (dem CEO von Focus Features).

          Statt meine Gedanken zu fokussieren, brachten mich diese Seminare auf Abwege. Ich beschäftigte mich nicht nur mit der Geschichte des Kanons, sondern auch mit der Geschichte der Ästhetik, mit Kunstgeschichte und Philosophie. Ich fühlte mich wie in einem umgekehrten Zoom gefangen. Es begann mit einem Blick auf die Hand des schlafenden Mannes in Charles Eames' Zehn Hoch und endete in der Unendlichkeit der Theorie.

          Der Untergang des Kanons war verknüpft mit dem Untergang der Hochkultur, der Untergang der Hochkultur mit dem Untergang allgemein gültiger Normen - und der Untergang allgemein gültiger Normen führte zu Fragen über das „Ende der Kunst“.

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